Himmelblau mit Wolke

Microsofts neunte Professional Developers Conference dokumentierte in Los Angeles die Fertigstellung der Internet-Plattform Azure und gewährte Einblicke in die kommenden Versionen von Silverlight und Office.

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Peter SchĂĽler
  • Sascha Wolter
Inhaltsverzeichnis

Als große Überraschung 2008 hervorgezaubert, ist die Webdienst-Plattform Windows Azure ebenso wie die Cloud-gestützte Datenbank SQL Azure jetzt fertig, und es gab kaum einen Vortrag auf der PDC, in dem es nicht auch um die Entwicklung oder Einbindung von Diensten aus der Internet-Wolke gegangen wäre.

Azure steht für ein Bündel aus Infrastruktur in Gestalt von Rechenzentren mit Azure-tauglichen Servern, Webdienst-Katalog und Entwicklerumgebung für gehostete Anwendungen. Die wolkige Assoziation mit dem überall und nirgends zu findenden Internet führt jedoch in die Irre: Zurzeit sind für die Ausführung der Azure-Anwendungen exakt sechs konkrete, von Microsoft betriebene Rechenzentren vorgesehen, jeweils zwei in Nordamerika, Europa und Ostasien. Sie sollen spätestens im Februar 2010 fertig sein, und ab April will Microsoft Rechnungen für die Nutzung von Azure-Anwendungen schreiben können.

Selbst das Editieren der äußerst layoutkritischen PowerPoint-Präsentationen ermöglicht Microsoft per Office-2010-Web-Application im Browser.

Für gemeinsame Zugriffskontrolle und generell zum Ausführen von .NET-Anwendungen auf Windows-Servern – also auch in Azure Data Centers – hat Microsoft eine erste Betaversion seiner AppFabric-Software vorgestellt, die 2010 als kostenlose Ergänzung zu Windows Server 2008 fertig werden soll. Hierin verschmilzt der bisher als Dublin betitelte Application Server mit dem Application Service Bus, über den Anwendungen Nachrichten miteinander austauschen können.

Im neu vorgestellten Portal Pinpoint vermarktet Microsoft einen Katalog von Azure-Anwendungen. Ein Modul namens Dallas vermittelt zusätzliche Datenangebote, erste Beispiele lieferten die Nasa mit Bilddaten ihrer Mars-Rover-Mission und Associated Press. Neben den gehosteten Ausgaben von Exchange- und SharePoint-Server will Microsoft auch seine Unternehmenssoftware der Marke Dynamics über Pinpoint zum Abonnement anbieten.

Hand in Hand mit der fertigen Azure-Plattform geht das für kommendes Jahr angekündigte Microsoft Office 2010. Seine öffentliche Beta ist wie berichtet [1] pünktlich zur PDC im Netz erschienen und kooperiert ohne Dateikonversion mit den ebenfalls zum Betatest abrufbaren Office Web Applications.

Mit dem heranreifenden Open XML SDK für Office ab Version 2007 SP2 lassen sich Office-Prozesse vom Personalisieren eines Newsletters bis zur Workflow-Abwicklung durch unmittelbare Bearbeitung der OOXML-Dokumente automatisieren. Das gelang in einem gezeigten Beispiel locker um den Faktor 100 schneller als mit den serienmäßigen Routinen von Word oder Excel.

Visual Studio 2010 bietet endlich auch einen Wysiwyg-Editor, um grafische Silverlight-Oberflächen zu definieren.

Mit Word 2010 lassen sich beliebige Abschnitte eines in SharePoint deponierten Dokuments markieren und zum Editieren durch Kollegen freigeben. Eine diesbezügliche Anforderung lässt sich sogar per Mail als Aufgabe verschicken. Anschließend können mehrere Nutzer gleichzeitig an verschiedenen Bereichen desselben Dokuments arbeiten, und jeder bekommt schon bei der Arbeit die jüngsten Ergebnisse seiner Mitstreiter zu sehen.

Der SharePoint Server 2010 soll gleichzeitig mit den Client-Anwendungen herauskommen. Für ihn pries Microsoft auf der PDC insbesondere die stark vereinfachte Programmierbarkeit an. Mit einem simplen Tastendruck auf F5 demonstrierte Bob Muglia, wie bequem sich in Visual Studio Anwendungen statt für den lokalen PC für die Ausführung als Webdienst kompilieren und sofort auf einem SharePoint-Server ausführen lassen. Als sogenanntes Developers Dashboard liefert der Server dann eine komplette Debugging-Umgebung ins Browserfenster, und die ausgeführten Kompilate laufen auf Wunsch in einer eigenen Sandbox. So soll man gefahrlos auch ein produktiv genutztes System zum Testen verwenden können. Nötig dürfte das freilich nicht mehr sein, denn der SharePoint Server soll für Entwicklungsaufgaben künftig auch auf dem Client-Betriebssystem Windows 7 (ab Edition Professional) funktionieren.

War SharePoint bislang hauptsächlich für Intranetseiten zur abteilungsinternen Kommunikation gedacht, soll der Server künftig auch ganze Firmenauftritte im Internet präsentieren. Das bot auf der PDC die optimale Basis für Scott Guthrie, den Chef von Microsofts Entwicklerabteilung, um das ebenfalls in einer Betaversion freigegebene Silverlight 4 vorzustellen. Die an der Windows Presentation Foundation ausgerichtete Browser-Erweiterung für sogenannte Rich Web Applications scheint hinsichtlich ihrer technischen Möglichkeiten zu Adobes schon länger etabliertem Konkurrenten Flash aufgeschlossen zu haben.

Der Schwerpunkt der neuen Version liegt auf Geschäftsanwendungen. Endlich kann Silverlight ohne Umwege drucken, Texte aus der Zwischenablage verwenden, mit der rechten Maustaste das Kontextmenü ansprechen, das Mausrad erkennen sowie Drag&Drop-Datenimporte in die Anwendung hinein nutzen.

Die bearbeitbare Rich Text Area zeigt außer formatiertem Text auch Hyperlinks und Bilder an. Weil mittlerweile auch die Schreibrichtung von rechts nach links erlaubt ist, bereiten Sprachen wie Arabisch keine Probleme mehr. Aus .NET haben die Entwickler das Command-Entwurfsmuster, das Managed Extensibility Framework sowie die „Windows Communication Foundation Rich Application Services“ übernommen. Dadurch lassen sich modulare Anwendungen mit vergleichsweise kurzen Ladezeiten realisieren, und bei mehrschichtigen Anwendungen stehen Server-residente Klassen automatisch auch auf dem Client zur Verfügung.

Ohne dass ein Server die Aufsicht führen müsste, kann man mit Silverlight 4 Signale von Mikrofonen und Webcams aufzeichnen. Außerdem gibt es Video-Empfang per Multicast-UDP und einen Ausgabeschutz für Audio- und Video-Streams, der gewährleisten soll, dass Inhalte nur über eine sichere Verbindung zum Ausgabegerät gelangen. Zusätzlich hat Microsoft das Digital Rights Management mit PlayReady verbessert und bietet dies auch für H.264-Medien. Bei Out-of-Browser Anwendungen soll man die Inhalte dadurch offline verfügbar machen können, ohne die Zugriffskontrolle aufzugeben.

Der Internet Information Server soll über die IIS Media Services künftig Videos sowohl über Silverlight ausliefern können wie über das Video-Tag in HTML 5. Darüber will Microsoft auch iPhones per adaptive Streaming mit Media-Inhalten versorgen [2] .

Die seit Silverlight 3 möglichen Out-of-Browser-Anwendungen (OOB) erfordern anders als Gegenstücke in Adobes AIR keinerlei Veränderung des Anwendungscodes und auch keine erneute Kompilation, weil sie bereits im Silverlight-Plug-in vorgesehen sind. Es sind jedoch keine Bedienelemente des Webbrowser zu sehen, und der angekündigte, fensterlose Chromeless-Modus, der komplett auf einen Fensterrahmen verzichten kann, ist in der Beta noch nicht implementiert. Immerhin können Silverlight-OOBs jetzt Vorgaben für Fenstergröße und Startposition befolgen und – in der Betaversion mit Einschränkungen – HTML-Inhalte rendern. Teilt man ihnen in Expression Blend oder Visual Studio erweiterte Rechte zu, gewinnen OOB-Anwendungen im Vollbildmodus unter Windows und Mac OS X uneingeschränkte Tastaturunterstützung.

COM Automation Support ermöglicht die Interaktion mit anderen Anwendungen einschließlich Hardware-Zugriffen. Damit lassen sich etwa MS-Office-Anwendungen fernsteuern. Die finale Version von Silverlight 4 soll in der ersten Jahreshälfte 2010 erscheinen.

Microsoft zeigte auch, wie sich Silverlight 4 in die zweite Beta von Visual Studio 2010 integriert, nämlich endlich über einen Wysiwyg-Editor für Anwendungsoberflächen, Assistenten für das Erstellen von Bindungen und das Zuordnen von Stilen und Ressourcen. Auch bei IntelliSense haben die Entwickler nachgelegt. Es erlaubt jetzt etwa die automatische Vervollständigung von Bindungsangaben in XAML.

[1] Dieter Brors, Teamgeist, Microsoft verteilt Beta-Version von Office 2010

[2] Videostream fĂĽr iPhones

www.ct.de/0926038 (hps)