Das Imperium scannt zurĂĽck

Seit Monaten starrt alles auf Google Books wie das Kaninchen auf die Schlange. Nun löst sich die Starre: Gerade wurde die Gründung einer Deutschen Digitalen Bibliothek beschlossen.

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Von
  • Peter Glaser

Über kaum etwas definiert eine Gemeinschaft sich stärker als über die gemeinsame Sprache. Nun steht der schriftliche Kulturreichtum vor einer einzigartigen Transformation: Die Bücher der Welt sollen digitalisiert werden. Das ist nicht nur notwendig, um sie zu retten – viele historisch bedeutsame Bücher sind vom Zerfall bedroht, weil seit Mitte des 19. Jahrhunderts Papier hergestellt wurde, in dem sich Säure bildet, wodurch die Seiten zerbröseln. Mit der Digitalisierung der Bibliotheken eröffnen sich zudem ganz neue Möglichkeiten des Zugangs zu den heute oft noch verborgenen Wissensschätzen.

Man möchte meinen, dass es ein selbstverständliches Anliegen der Deutschen, Schweizer und Österreicher sein sollte, den eigenen, schriftlichen Kulturreichtum in die Datenform zu überführen. Aber die Geschichte läuft in eine andere Richtung. Mit dem umstrittenen Scanprojekt Google Books steht die Frage im Raum, ob bald ein amerikanisches Unternehmen zum Sachwalter der deutschsprachigen Bücherwelten werden könnte – eine Vorstellung von Globalisierung, die etwas durchaus Groteskes an sich hat.

Mit dem aggressiven Vorgehen des Suchmaschinenkonzerns, das in vielen Ländern heftige Debatten ausgelöst hat, ist auch ein unangemessener Zeitdruck aufgekommen. Etwa acht Millionen Bücher hat Google inzwischen – in vielen Fällen unter Missachtung der Urheberrechte – einscannen lassen, darunter 100.000 deutschsprachige Werke. Mit jeder weiteren LKW-Ladung an Büchern, die zu den abgeschirmten Scan-Fabriken transportiert wird, scheint sich der Eindruck zu festigen, dass der Vorsprung von Google kaum noch einzuholen sei.

Andere Digitalisierungsprojekte wie etwa das "Project Gutenberg" kommen nur langsam voran, unter anderem weil man sich dort die Mühe macht, für jedes Buch erst die Rechte zu klären. Auch werden die eingelesenen Texte Korrektur gelesen und mit Verweisen versehen. Bei Google Books geht es vor allem um Quantität. Google ist daran interessiert, mit den Massen an hochwertigen Inhalten seinen Index aufzuwerten und damit weitere Besucher auf seine Seiten mit den profitablen Kleinanzeigen zu locken.

Google habe sein Digitalisierungsprogramm mit so viel Geld ausgestattet, dass nichts und niemand damit konkurrieren könne, ist nun öfters zu lesen. Aber es kann ja wohl nicht sein, dass man nur genügend Geld aufzuwenden braucht, um sich eine Rechtslage nach den eigenen Vorstellungen kaufen zu können. Was also kann man tun, um europäische Regierungen dazu zu bringen, nicht nur Banken zu retten, sondern auch Bücher?

Einiges ist bereits getan. Anders als die immer wieder fehlerhaften Massenscans von Google Books zeigt beispielsweise das Projekt "Turning the Pages", das die British Library seit 1997 betreibt, nicht nur sorgfältig engescannte, kostbare Bücher. Sie sind auch erschlossen, mit weiterführenden Informationen, Detailvergrößerungen oder Tonbeispielen versehen. Diese Bücher sind nicht einfach 1:1 ins Digitale übertragen worden, sondern sie haben eine neue Qualität hinzugewonnen.

Eine noch ambitioniertere Geistes-Großbaustelle ist die "Europeana". Sie ist aus dem 2007 begonnenen "Netzwerk Europäische Digitale Bibliothek" hervorgegangen und seit einem Jahr online. Gestern nun hat das Bundeskabinett die Einrichtung einer "Deutschen Digitalen Bibliothek" (DDB) beschlossen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann zufolge soll das Projekt ab 2011 die Datenbanken von mehr als 30.000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland vernetzen. Neumann nannte es ein "Jahrhundertprojekt" und einen "Quantensprung in der Welt der digitalen Information". Die DBB sei die "angemessene Antwort auf Google". Anders als bei Google Books würden alle Rechteinhaber vor der Aufnahme in den Katalog der DBB erst gefragt.

Die DDB ist der deutsche Beitrag zur "Europeana", die derzeit noch sehr auf visuelles Material wie Filme, Bilder oder Karten ausgerichtet ist. Aber es ist geplant, die Zahl der digitalisierten Werke schon im Lauf der nächsten Monate von zwei auf sechs Millionen zu steigern. Etwa 120 Millionen Euro aus EU-Programmen sollen in einem ersten Schritt für die Digitalisierung von Bibliotheken aufgewendet werden. Für die vielen vergriffenen Bücher, deren Urheber nicht mehr aufzufinden sind, hat Google in den USA die Einrichtung einer Schiedsstelle vorgeschlagen. Damit ist man in Europa bereits weiter: Ein Gemeinschaftsprojekt von 27 europäischen Institutionen wird sich bereits ab Anfang nächsten Jahres um die grenzüberschreitende Klärung von Urheberrechten kümmern, um die Digitalisierung des europäischen Schriftkulturerbes zu vereinfachen. (bsc)