Tübinger Ärzte üben Patientenbehandlung im Internet
Viele Kritiker meinen: Deutsche Medizinstudenten werden mit zu viel Theorie gefüttert; die Praxis komme zu kurz.
Nach Unmengen von Vorlesungen, Seminaren und Lehrbuchlektüren hat ein junger Arzt das Medizinexamen bestanden und die Approbation bekommen. Nun sitzt er in einer Praxis allein seinem ersten Patienten gegenüber. Stellt er die richtige Diagnose? Viele Kritiker meinen: Deutsche Medizinstudenten werden mit zu viel Theorie gefüttert; die Praxis komme zu kurz. Zum Gegensteuern bietet das Universitätsklinikum Tübingen jetzt eine bundesweit einzigartige Neuheit: das virtuelle Klinikum Prometheus, ein "Internetbasiertes Lern- und Informationssystem für die medizinische Aus- und Weiterbildung" . Der Benutzer kommt dort zunächst in die Eingangshalle mit Infothek -- und von dort zu Fachressorts mit typischen Patienten und zur Multimedia-Bibliothek. Dort kann er Fachwissen erwerben oder auffrischen, bevor er sich praktisch an seinen Fall wagt.
Die virtuelle Lern- und Lehrplattform wurde von einer Mannschaft um Privatdozent Rolf-Dieter Kortmann an der Tübinger Klinik für Radioonkologie (Krebsbestrahlung) entwickelt. In dreijähriger Kleinarbeit setzte sie an, wo es nach Ansicht vieler Beobachter in der Ausbildung noch erheblich hapert: bei der Umsetzung von Faktenwissen in die Praxis des medizinischen Alltags. Mitarbeiterin Angelika Schäfer erklärt das so: "Wir wollen den Studierenden die Möglichkeit geben, in Ermangelung realer Patienten möglichst realitätsnah mit virtuellen, jedoch existierenden Patienten Vorgehensweisen einzuüben, die man sonst nur in der wirklichen Umgebung erlernen kann." Anhand authentischer Fälle simulieren die angehenden Ärzte die Abläufe von der Anamnese bis zur Diagnose.
Internet-Lernprogramme im medizinischen Bereich gibt es auch an anderen Universitäten. "Prometheus unterscheidet sich von ihnen vor allem dadurch, dass es auf einem von Experten definierten didaktischen Konzept aufbaut", sagt Schäfer. Ein wichtiger Unterschied sei zudem das interaktive Moment: Prometheus reagiert auf Anfragen des Benutzers -- verbal, schriftlich und sogar akustisch, etwa beim Abhören von Funktionsgeräuschen mit dem virtuellen Stethoskop, mit eingespielten Videos bei Bewegungsuntersuchungen oder beim Einsatz bildgebender Verfahren. Zudem ist stets ein virtueller Experte im Hintergrund, der im Zweifel befragt werden kann.
Im Unterschied zu anderen Programmen ist das Tübinger Konzept nach Kortmanns Angaben in Lehrveranstaltungen des klinischen Abschnitts eingebunden; der herkömmliche Unterricht werde mit der E-Learning-Plattform kombiniert. Das neue Lern- und Lehrsystem, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wurde und im Sommersemester 2003 Premiere hatte, finde bei Studierenden großen Anklang. Der Nutzen sei schon jetzt erkennbar, sagt Kortmann: "Bei der Vorstellung wirklicher Patienten konnten die Studierenden viel zielgerichteter fragen, weil sie wissen, wohin sie schwimmen." (Rosemarie Greiner, dpa) / (jk)