EU, die Gegenwart und die Zukunft der Informationsgesellschaft

Die EU-Kommission hat neue Statistiken zur Internetnutzung vorgelegt. Und eine Studie des Think Tanks RAND im Auftrag der EU wirft einen Blick in die Zukunft der Informationsgesellschaft.

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In Deutschland verfügen laut einer nun veröffentlichten EU-Statistik 79 Prozent der Haushalte über einen Internetanschluss. In der Rangliste der Abdeckung der EU-Staaten und den Kandidatenländern Norwegen, Island und Serbien belegt Deutschland damit den siebten Platz. 65 Prozent der deutschen Haushalte verfügen über einen Breitbandanschluss, die Bundesrepublik kommt in dieser Rangliste auf den neunten Platz. Das geht aus Zahlen von Eurostat hervor, dem Statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaften, die gestern veröffentlicht wurden. Im Durchschnitt der 27 EU-Länder sind 65 Prozent der Haushalte online.

In der Altersklasse der 16- bis 24-Jährigen gehen 80 Prozent der Einwohner Deutschlands täglich oder nahezu täglich ins Internet. Sie kommen damit in dieser Rangliste auf den zwölften Platz. Demgegenüber sind 55 Prozent der 16- bis 74-Jährigen in Deutschland online und nehmen EU-weit den achten Platz ein; der EU-Durchschnitt beträgt hier 48 Prozent. Diese Ranglisten sowie die der Haushalte mit Internetanschluss werden von den Niederlanden und den skandinavischen Ländern dominiert.

Im Jahr 2009 kauften oder bestellten 37 Prozent der Personen im Alter von 16 bis 74 Jahren in der EU in den vergangenen zwölf Monaten Waren oder Dienstleistungen über das Internet. Dieser Anteil variierte beträchtlich zwischen den Mitgliedsstaaten und reichte von 2 Prozent in Rumänien bis zu 64 Prozent in Dänemark und 63 Prozent in den Niederlanden und Schweden. In Deutschland gingen 55 Prozent online einkaufen. In der EU bestellten 40 Prozent der Männer Waren oder Dienstleistungen über das Internet, im Vergleich zu 34 Prozent der Frauen. Der Anteil für Männer war in fast allen Mitgliedsstaaten höher als der für Frauen.

Eine Studie (PDF-Datei) darüber, wie die Zukunft der Informationsgesellschaft aussehen könnte, hat der Think Tank RAND Corporation im Auftrag der EU-Kommission vorgelegt. Er geht davon aus, dass das Internet durch semantische Techniken – Stichwort Web 3.0 – zu einem eigenständigen Akteur werden kann. Die Kommunikationsstrukturen verschmölzen zu einer Plattform, auf der der Zugang zum Internet nicht mehr von Standorten, Geräten oder Software abhängig ist. Die Versorgung mit Computern, Speichern und anderen Techniken werde voraussichtlich so umfassend und herkömmlich wie heutzutage die Wasser-, Strom- und Gasversorgung.

Die meisten informationstechnischen Lösungen könnten nach Meinung des Think Tanks auf dem IP oder anderen offenen Protokollen und Standards basieren, auch wenn das nicht im Sinne der dominierenden Unternehmen sei. Proprietäre Standards könnten für weltweit betriebene Geschäfte den Unternehmen bei integrierten Serviceangeboten einige Vorteile bringen, beispielsweise um sich von der Konkurrenz abzugrenzen; allerdings werde dadurch die Flexibilität und Mobilität der Kunden eingeschränkt und der Markteintritt für kleinere Unternehmen erschwert.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Vernetzung träten staatliche Institutionen als Vermittler oder Schiedsinstanz in den Hintergrund. Für den direkten Draht der Beteiligten untereinander bekomme Vertrauen daher eine größere Bedeutung. Das Internet könne auch die Identität herausfordern, die zunehmend fragmentiert werde; auch schwinde die Privatheit, da die Abgrenzungsmöglichkeiten von Personen oder Gruppen geschwächt würden. Die Grenzen zwischen Privat- und Berufssphäre könnten aufweichen. Auch habe die zunehmende Vernetzung Einfluss auf die Ideenwelt der Gesellschaft und des Individuums. Die zunehmende Komplexität könne auch zu Kontrollverlust führen.

Die RAND-Studie soll einfließen in Überlegungen für die Zeit nach der Geltungsdauer des 2005 eingeleiteten Programms i2010, für die die EU-Kommission im August eine Konsultation eingeleitet hatte. Diese ist nun abgeschlossen, derzeit werden die Eingaben analysiert. (anw)