Wissenschaftler lässt zerstörte Synagogen im Computer auferstehen

Die Rekonstruktionen von 15 Synagogen bilden das Kernstück der ersten bundesweiten Bestandsaufnahme der ehemaligen jüdischen Gebetshäuser im Internet.

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Von
  • Ingo Senft-Werner
  • dpa

Ein Klick am Computer und der Raum zur Kölner Synagoge öffnet sich. Große Kerzenleuchter an den Wänden, Balkone mit goldenen Ornamenten, darüber wölbt sich ein Kuppel in Blau mit goldenen Sternen. Das Bild wirkt seltsam künstlich. Kein Wunder, denn das reale Gebäude existiert schon lange nicht mehr. Wie viele Synagogen fiel es den Nazi-Brandstiftern in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zum Opfer. Marc Grellert von der Technischen Universität Darmstadt (TUD) hat sie auferstehen lassen. Die Rekonstruktionen von 15 Synagogen bilden das Kernstück seines Deutschen Synagogen-Internet-Archivs, der ersten bundesweiten Bestandsaufnahme der ehemaligen jüdischen Gebetshäuser.

Die Nachbildung der Synagogen am Computer war schwerer, als Grellert erwartet hatte. "In einigen Fällen haben wir nicht mehr als einen Grundriss und ein paar schwarz-weiß Bilder gefunden." Die Gebäude konnten der gelernte Architekt und weitere Fachstudenten jedoch meist schnell mit Hilfe von Vergleichsbauten nachzeichnen. "Richtig schwer war die Farbgebung im Innenraum", erzählt Grellert. "Manchmal hatten wir Aquarelle, meist haben wir jedoch Zeitzeugen befragt und ihre Erinnerungen angezapft." Begonnen hat das Projekt 1994 als Reaktion auf den Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck. "Ich wollte als angehender Architekt auch einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten", sagt Grellert. Er las sich in die Literatur ein und stellte verwundert fest, dass es keine gesicherten Informationen gab, wie viele Synagogen zerstört wurden: "Oft wird sogar eine Zahl von rund 200 zitiert, die von den Nazis stammt und das Ausmaß der Verwüstung von mindestens 1150 Synagogen nicht annähernd beschreibt."

In einem ersten Schritt rekonstruierte Grellert mit sieben Kommilitonen drei Frankfurter Synagogen. Daraufhin fragten weitere Städte an, und so wurde mit Hilfe des Bundesbildungsministeriums ein Folgeprojekt mit 12 Synagogen zwischen München und Hannover aufgelegt. Daraus entstand eine Ausstellung, die bereits in der Bundeskunsthalle Bonn gezeigt wurde und im kommenden Jahr auf Welttournee gehen soll mit Stationen in Israel und den USA. Was mit studentischem Engagement begann, ist jetzt in professionelle Bahnen gelenkt worden. Wenn heute eine Stadt eine dreidimensionale Nachbildung einer Synagoge bestellt, muss sie die Firma "Architectura virtualis" beauftragen und mehrere zehntausend Euro investieren. Diese arbeitet inzwischen mit neuester Technik. "Am Anfang hatten wir Architekturprogramme mit eher nüchternen Ergebnissen", erzählt Grellert. "Jetzt benutzen wir Software aus der Filmindustrie. Damit können wir Licht und Schatten setzen und so Atmosphäre entstehen lassen."

Durch die Kontakte mit Zeitzeugen wuchs in Grellert die Idee, zusätzlich ein Internet-Forum zu entwickeln. So öffnete er im vergangenen Jahr am 9. November das Synagogen-Internet-Archiv. Aus der Literatur hat er mehr als 2.000 Synagogen aufgelistet -- wann sie erbaut wurden und was aus ihnen geworden ist. Zu diesen Basisinformationen kann jeder Besucher etwas hinzufügen. Rund 1.000 Beiträge sind in den vergangenen zwölf Monaten eingegangen: alte und neue Fotos, Erinnerungen von Zeitzeugen und sogar Informationen über Synagogen, die noch nicht aufgenommen waren. "Vor wenigen Tagen kamen historische Bilder aus Worms", erzählt Grellert: "Darauf ist gut zu sehen, wie Feuerwehrleute die Synagoge abbrennen lassen und nur versuchen, ein Übergreifen des Feuers zu verhindern." Fast alle Einträge sind für Grellert "erkennbar seriös". In den ersten Tagen hat es auch einige Anfeindungen von Neonazis gegeben. Ihre Einträge im Gästebuch hat der Architekt einfach gelöscht. (Ingo Senft-Werner, dpa) / (jk)