Die Woche: Googles Vision

Chrome OS gibt einen Eindruck davon, wie sich Google den Internet-PC der Zukunft vorstellt: als ein simples Web-Terminal.

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Mit Chrome OS hat Google seine Vision eines Internet-Betriebssystems vorgestellt: ein minimalistisches Linux mit einem bildschirmfĂĽllenden Browser an Stelle eines Desktops. Ein Web-Terminal, sozusagen: Immer online, Anwendungen kommen aus dem Web, Daten werden im Web gespeichert.

Natürlich kann man (obwohl verschiedentlich anderes zu lesen ist) mit Chrome OS Daten auch lokal speichern: Chrome OS sieht sieht zum Schutz der lokal gespeicherten Daten sogar ausdrücklich einen verschlüsselten Bereich auf der Festplatte vor. Sonderlich sinnvoll dürfte es allerdings nicht sein, Chrome-OS-Rechner mit großen Festplatten zu auszustatten (ich weiß nicht, wo der Mythos herkommt, dass Chrome OS nur mit SSDs und Flash-Speicher funktionieren soll – der zuständige Linux-Treiber unterscheidet gar nicht zwischen einer SSD und einer Festplatte).

Chrome OS: Alles im Web

Was Chrome OS nämlich ausdrücklich nicht vorsieht, sind lokal installierbare Anwendungen. Wenn Sie einen Blick auf Ihre Festplatte werfen: Welche Daten verbrauchen da den meisten Platz? Vermutlich Fotos, Musik und Videos. Um damit etwas anfangen zu können, braucht man Software zum Anzeigen, Abspielen und Verwalten der Dateien.

In Chrome OS sollen jedoch an die Stelle lokal installierter Programme Web-Anwendungen treten. Und es ergibt schlicht keinen Sinn, Fotos, Musik oder Videos lokal zu speichern, um sie dann übers Netz an eine Web-Anwendung zu schicken, die sie zur Wiedergabe wieder an den Chrome-OS-Rechner zurückschickt. Das Google-Konzept des Browsers als einzige Anwendung verlangt eigentlich zwingend, auch die Daten ins Web auszulagern; einfach, weil ein Browser vor allem dazu gedacht ist, Daten aus dem Web anzuzeigen. Was aber keineswegs ausschließt, vertrauliche Daten lokal zu speichern – sofern man sie mit einer Web-App überhaupt vertraulich erstellen kann ...

Bei der Entwicklung von Chrome OS scheint das KISS-Prinzip ("Keep it simple, stupid", zu Deutsch etwa: "Mach es möglichst einfach") oberste Leitschnur gewesen zu sein. Was ist das Ziel von Chrome OS? Ein simpler Web-Rechner, der ähnlich schnell einsatzbereit ist wie ein Smartphone, aber dank Tastatur und größerem Display mehr Möglichkeiten bietet. Dabei einfach zu bedienen und sicherer als die Systeme, mit denen wir heutzutage ins Internet gehen.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Google vor allem – weggelassen. Administrationswerkzeuge und Destop-Tools? Machen das System unnötig kompliziert. Eigene Software installieren? Bringt Kompatibilitäts- und Sicherheitsprobleme. Erweiterbare Hardware? Erfordert eine komplizierte Treiberinstallation, die womöglich Instabilitäten ins System bringt, und einen Hardware-Manager. Systemkonfiguration? Ein frischer Chrome-OS-Rechner soll einfach laufen, ohne die übliche Konfigurations- und Installationsorgie, die sonst bei einem neu installierten System nötig ist.

Mit einem Chrome-OS-Rechner kann man vom Start weg im Web surfen und unkompliziert alle möglichen Web-Anwendungen nutzen – aber eben nicht mehr. Während die Netbooks, die ursprünglich für genau diesen Zweck gedacht waren, letztlich doch schnell als kleine Notebooks genutzt wurden, werden Chrome-OS-Rechner vielleicht aussehen wie Netbooks, vom Konzept her aber einem Smartphone ähnlicher sein als einem Netbook. Nur dass man damit (vermutlich) nicht wird telefonieren können, dass an die Stelle eines App Store eine Sammlung von Webanwendungen tritt und dass man seine Daten nicht mit iTunes, sondern mit "der Cloud" synchronisiert.

Der Browser als Systemplattform: Die Idee ist nicht neu, in vielen Kontexten schon realisiert (zahlreiche Unternehmensanwendungen, selbst entwickelte ebenso wie Software von der Stange, setzen längst auf Browser-Frontends statt auf spezielle Clients), aber erst Google setzt die Idee konsequent um. Wenn sowieso alle Aktivitäten am Computer im Browser stattfinden, kann man auch alles außer dem Browser weglassen – das Ergebnis ist ein einfacheres und sichereres System, das zwar nicht die Möglichkeiten eines Windows-PCs bietet, aber auch kein Computer-Know-how, Handbuchstudium und Registry-Gefrickel erfordert, um zu funktionieren.

Ein Web-Terminal eben. Wie damals in seligen Großrechnerzeiten, als die Anwender an dummen Terminals saßen und Anwendungen, Daten und Systemfunktionen Sache des Hosts (und seiner Sysadmins) waren. Bloß dass an die Stelle des Großrechners das Web tritt und an die Stelle eines Terminals mit 24 x 80 Zeichen ein Web-Browser, der in HTML5, JavaScript und Flash programmiert wird. Ein modernes, internet- und multimediafähiges Terminal – aber doch ein dummes Terminal, um dessen (im Vergleich mit einem "richtigen" Computer simples) Innenleben sich der Anwender nicht zu kümmern braucht. (odi)

Siehe dazu auch: