Stimulierende Behandlung gegen Schlafapnoen
Eine US-Firma hat ein Implantat für die Zunge entwickelt, das den Atemstillstand in der Nacht bekämpfen soll.
- Lauren Gravitz
Eine US-Firma hat ein Implantat für die Zunge entwickelt, das den Atemstillstand in der Nacht bekämpfen soll.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Forschern sehen es die Ingenieure beim kalifornischen Medizintechnik-Start-up ImThera Medical als Kompliment an, wenn jemand ihre Arbeit als "einschläfernd" bezeichnet. Der Grund: Das experimentelle Gerät, das die Firma gerade entwickelt, soll es Patienten mit Schlafapnoe-Syndrom erlauben, endlich wieder gefahrlos durchschlafen zu können.
Die Atemerkrankung unterbricht den Schlaf regelmäßig und kann ernste Komplikationen hervorrufen – vom Herzinfarkt bis zum Sekundenschlaf am Tag, beispielsweise wenn der Betroffene mit dem Auto unterwegs ist. Das ImThera-Implantat wird um einen Nervenstrang geschlungen, der mit der Zunge verbunden ist. Derzeit läuft ein erster klinischer Test in Europa.
Das Schlafapnoe-Syndrom ist eine der am häufigsten vorkommenden Atemkrankheiten. Bis zu 4 Prozent der US-Bevölkerung sind betroffen, werden mehrmals in der Nacht von Atemstillstand geplagt. Dabei blockiert beispielsweise die Zunge des Patienten die Atemwege. Der sich daraus ergebende Sauerstoffentzug und Schlafverlust führt kurzfristig zu schwerer Müdigkeit am Tag – und langfristig zu möglicherweise irreversiblen Gesundheitsproblemen.
Der Goldstandard zur Behandlung der Erkrankung hört auf den Namen CPAP ("Continuous Positive Airway Pressure") – die so genannte pneumatische Schienung für die ambulante Therapie von Schlafapnoen. Diese Maschinen halten die Atemwege offen, indem sie ständig Luft durch eine Maske und damit in die Luftröhre einer Person pressen. Das Problem: Die Geräte sind laut und wenig komfortabel in der Verwendung, fast die Hälfte aller Patienten bricht die Nutzung ab. Alternative Therapieformen sind nicht minder unschön: Schienen, mit denen sich die Position von Ober- und Unterkiefer verschieben lässt; ein gezielter Kieferbruch mit anschließender Neupositionierung; das Entfernen von Teilen des Gaumens.
ImThera nutzt einen anderen Ansatz, der bislang noch wenig erforscht wurde: Der Neurostimulator der Firma wird am großen Nervus hypoglossus der Zunge angebracht und liefert elektrische Impulse an bis zu sechs verschiedenen Punkten. "Das Ziel dabei ist es, die Atemwege frei zu halten, indem die Zunge sie nicht mehr blockieren kann", erklärt Firmenpräsident Marcelo Lima. Dazu werden Muskeln an der Seite und unterhalb der Zunge aktiviert, die normalerweise für das Abflachen, das Versteifen und die Bewegung des Organs nach vorne zuständig sind. So entspannt sich die Zunge nie vollständig, fällt nicht zurück und blockiert auch nicht die Atemwege. Die Energie für das Implantat kommt aus einem nachladbaren Pulsgenerator, der unter der Haut oberhalb des Brustmuskels eingesetzt wird. Er ist mit dem Neurostimulator über ein kleines Stromkabel verbunden, das sich durch den Rachen schlängelt.
Lima testete das Gerät zunächst mit einer externen Stromquelle an zwei Patienten in einem Krankenhaus in Brasilien. Das Ergebnis war so viel versprechend, dass er den Ansatz weiter verfeinerte. Inzwischen läuft eine kleine klinische Studie mit 12 Patienten in Europa – ein größerer Versuch ist Mitte 2010 in den USA geplant.
Allerdings glauben nicht alle Experten daran, dass die Konzentration auf die Zunge die Lösung aller Atemstillstandsprobleme ist. Der Grund: Noch sind die anatomischen Gründe für Schlafapnoen nur teilweise geklärt. Die Blockierung der Atemwege muss nicht unbedingt an der Zunge liegen – manchmal gibt es auch andere anatomische Probleme, die sich nur schwer auffinden lassen. "Es gibt 16 andere Muskeln, die an der Krankheit beteiligt sein können", meint Lisa Shives, medizinische Direktorin bei Northshore Sleep Medicine in Illinois. "Grundsätzlich wissen wir so gut wie nie vorab, wo die Blockade bei dem Patienten genau liegt."
Andere Schlafmediziner sind weniger pessimistisch und deshalb stark an den Ergebnissen der klinischen Studien von ImThera interessiert. Neue Behandlungsformen seien äußerst wichtig, meint etwa Susan Sprau von der University of California, Los Angeles (UCLA), die in dem Bereich forscht. "Ich halte die Idee für ein spannendes Konzept. Sie sollte weiter verfolgt werden." Es sei zu begrüßen, dass ein derart neuer Ansatz über den Neurostimulator verfolgt würde. "Jetzt müssen wir sehen, ob er funktioniert."
Verglichen mit einer herkömmlichen CPAP-Maschine dürfte das Implantat eine wesentlich höhere Nutzungsrate haben – sobald es einmal im Körper ist. Dann arbeitet es vor sich hin, ohne dass der Patient eingreifen müsste. "Es ist immer schön, wenn man Alternativen hat", meint Alon Avidan, Neurologe und stellvertretender Direktor des Zentrums für Schlafkrankheiten an der UCLA. "Wir sehen ständig Patienten, bei denen nichts funktioniert. Außer einer chirurgischen Tracheotomie, bei der man ein Loch in ihre Luftröhre schneidet, haben sie keine anderen Möglichkeiten mehr."
(bsc)