Nur Liegen ist schöner

Weltreisen, ohne sich vom Fleck zu bewegen: Die Erkundung des Planeten fĂĽhrt in neue, bequeme Dimensionen. Man leiht sich einfach die Augen anderer.

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Von
  • Peter Glaser

In der PC-Frühzeit erforderte eine Datenreise viel Phantasie. Man wusste zwar, dass man mit Japan oder mit Australien verbunden war, aber auf dem Bildschirm waren nur vorbeifließende Zeilen zu sehen. Dann begann die digitale Welt, ihre Fenster zu öffnen. Heute gibt es tatsächlich eine neue Art zu reisen – "Armchair Travelling" heißt sie in englischsprachigen Ländern, und sie verbindet zwei zuvor unvereinbare Gegensätze: der Abenteuerlust nachzugehen und in die Ferne zu schweifen, aber gleichzeitig bequem zu Hause zu sein.

Die Idee, Symbole anstatt sich selbst auf Reisen zu schicken, ist schon alt, aber erst die Technologien der modernen Fernkommunikation haben es möglich gemacht, dass die Symbole auch ohne menschlichen Überbringer reisen können. Beim Telefonieren reist nur noch die Stimme. Und im Internet der Blick. Dienste wie Google Earth mit zum Teil metergenauen Satellitenaufnahmen des ganzen Planeten, Google Streetview mit am Computer durchfahrbaren Straßenansichten ganzer Großstädte, die Fotoplattform Flickr mit inzwischen über vier Milliarden Fotos oder die Wikipedia, die zu jedem Ort der Welt Informationen und Geschichten bereithält, ermöglichen, wenn man sie zusammen benutzt, eine neue Dimension des Reisens.

Ohne Furcht kann man im Netz durch die South Bronx flanieren und Orte erkunden, von denen man zuvor noch nie gehört hat, indem man sich die Augen und Ohren der Welt ausleiht. Natürlich ersetzt diese Art des Reisens nicht das herkömmliche körperliche Wegfahren. Sie ist eine neue Möglichkeit. Wobei sich die alte und die neue Art zu reisen an vielen Punkten berühren. Statt sich etwa für den Aufenthalt in einer fremden Stadt Tipps aus dem Reiseführer zu erblättern, kann man sich nun einfach per E-Mail Placemarks schicken lassen, mit denen Freunde ihre Lieblingsplätze auf Google Earth markiert haben. Oder man klinkt sich in eine der zahllosen Communities auf dem Online-Globus ein und lässt sich mit internationalen Restauranttips oder Hinweisen versorgen, wo es in Tokio die schönsten Spielzeugroboter zu kaufen gibt.

Und so kann die Zukunft des digitalen Reisens aussehen: Man stelle sich eine Weltkarte am Bildschirm vor, und über die ganze Erde verstreut farbige Punkte. Jeder Punkt bedeutet: Da ist jemand mit einer Brille, in die eine winzige, drahtlose Kamera integriert ist – und wenn man möchte, kann man durch diese Brille mitsehen. Es ist nur noch ein kleiner Schritt bis dahin. Mashups wie Twittervision lassen uns bereits über die Kontinante fliegen und den Tweets des Planeten lauschen wie digitale Vogelkundler – fehlt nur noch der Rückkanal. Jemandem sein Ohr zu leihen, war gestern. Morgen teilt man mit ihm, was man selbst von der Welt sieht. (bsc)