In China stirbt das klassische Fahrrad aus

Im Reich der Radler kaufen die Massen keine Drahtesel mehr, sondern lassen sich von eBikes durch die StraĂźen chauffieren.

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Von
  • Martin Kölling

Als ich Anfang der 1990er Jahre in China studierte, war das Fahrrad das Fortbewegungsmittel der Wahl. Das Bild der blauberockten, radelnden Arbeiter- und Bauernheere hatte sich auch in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit eingeprägt. Um so erstaunter war ich, als ich kürzlich bei einem Chinabesuch in der Kleinstadt Zhangjiagang kaum noch Fahrräder oder Transportdreiräder sah. Stattdessen surrten die werktätigen Massen mit Elektromofas durch die Gegend.

Nach Angaben des chinesischen Verbands der Fahrradhersteller wurden im Jahr 2008 bereits 8,7 Millionen eBikes hergestellt. China beherrscht damit 95 Prozent des globalen Marktes fĂĽr die Zweiradstromer. Ein Grund ist der Preis: Anders als in Europa, Japan oder den USA sind die Fahrzeuge mit Preisen von umgerechnet 170 bis 250 Euro preiswert. DafĂĽr tragen sie ihre Besitzer mit einer "TankfĂĽllung" nach Herstellerangaben 40 bis 80 Kilometer weit.

Ein anderer Erfolgsfaktor ist wohl auch die Industriepolitik. Der Regierung ist der Boom elektrisch betriebener Mobilität sehr recht. Schließlich will sie dafür sorgen, dass Chinas Autoindustrie durch die Übernahme der Entwicklungsführerschaft von eAutos in die Phalanx der Welthersteller einzieht. Denn die Wirtschaftsplaner wissen nur zu gut, dass die heimischen Hersteller bei den Verbrennungsmotoren auf absehbare Zeit vom Techniktransfer deutscher, japanischer, südkoreanischer und amerikanischer Herstellen abhängig bleiben. Bei Elektromotoren und Batterien hingegen spielt China bereits jetzt eine wichtige Rolle. China ist nicht nur der größte Hersteller von eBikes, sondern auch von elektrisch angetriebenen Golfcarts.

Die Entwicklung der eBikes könnte bei der Elektromotorisierung eine wichtige Starthilfe spielen. Gleichzeitig wird die Luft der Städte entlastet, weil die Menschen sich bei steigendem Reichtum nicht mehr stänkernde ölverbrennende, sondern abgasfreie stromgespeiste Mofas oder Scooter anschaffen. Als Sahnehäubchen verstummt das Geknatter der Töffs auf den Straßen. Tatsächlich fahren die chinesischen eBikes sogar leiser als normale Fahrräder, die Passanten immerhin noch mit Tret- und Kettengeräuschen vor dem Herannahen warnen. (Chinesische eBikes rollen im Gegensatz zu deutschen oder japanischen Modellen, bei denen der Motor das Radeln unterstützend mitschiebt, auch ohne treten.)

Reine Öko-Freude will darob allerdings nicht auftreten, denn ein paar nicht ganz grüne Haken trüben die Umweltbilanz. Erstens gewinnt China seinen Strom größtenteils aus Kohle. Damit ist die Kohlendioxidbelastung von eBikes höher als sie es beispielsweise Ländern mit hohem Atomstromanteil wie Japan oder insbesondere Frankreich wäre. Zweitens verbauen die zahllosen chinesischen eBike-Hersteller in der Regel aus Kostengründen noch immer altbackene Blei-Akkus. Die Recyclingrate ist zwar nach Schätzungen von westlichen Experten sehr hoch, weil das Schwermetall recht wertvoll geworden ist. Dennoch bleibt die Bleibelastung der Umwelt um die Bleibergwerke und ihre Schmelzen ein nicht zu unterschätzendes Problem, weil das Metall mit Low-Tech-Verfahren hergestellt und später recycelt wird.

Indes ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Verkehrsmarkt für Lithium-Ionen-Akkus interessant wird. Chinas Batteriehersteller wollen damit frühzeitig in die Massenproduktion von Hochleistungsakkus einsteigen und so die Kosten des teuersten Bauteils von eAutos senken. Zwar plagt die Hersteller auch hier ein Entwicklungsrückstand auf japanische oder südkoreanische Hersteller. Doch dafür sind sie in der Billigproduktion versiert. Außerdem genießen sie den Vorteil, dass ihr Land auf den weltweit drittgrößten Lithium-Salzlaugen- und viertgrößten Lithiumerzreserven sitzt.

Ein Manager eines japanischen Autohersteller sieht China daher neben Japan und Südkorea zu einem führenden Kompetenzzentrum für Akkutechnik aufsteigen – und damit zu einem ernsthaften Rivalen bei eAutos. Vorher jedoch könnten die lokalen Hersteller vielleicht die Elektroräder im Westen populär machen. In Japan boomt der eBike-Markt für "Mama-charis" (Räder mit Kindersitz), Senioren, Auslieferungsradler und Fahrradkuriere bereits zur Freude der Hersteller. Noch können sie ihre elektrisch aufgemotzten Pedalmodelle für das vier- bis zehnfache chinesischer eBikes absetzen. (bsc)