Lernen im Betrieb

Schon heute können viele Technikfirmen nicht mehr alle Lehrstellen besetzen. In Zukunft wird sich das Problem noch verschärfen. Das Dortmunder Unternehmen Wilo zeigt, wie sich mit kreativen Methoden dennoch genügend Auszubildende rekrutieren und schulen lassen.

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Von
  • Peter Ilg

Dieser Text ist der Print-Ausgabe 12/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Schon heute können viele Technikfirmen nicht mehr alle Lehrstellen besetzen. In Zukunft wird sich das Problem noch verschärfen. Das Dortmunder Unternehmen Wilo zeigt, wie sich mit kreativen Methoden dennoch genügend Auszubildende rekrutieren und schulen lassen.

Klagen aus den Technikbranchen begleiten die Bildungsdiskussion mit der gleichen Regelmäßigkeit wie Grippewellen den Herbst: Der Nachwuchs interes- siere sich nicht mehr für Technik; Schulen bildeten zu praxisfern aus; Universitäten vergraulten die Studenten durch enormen Prüfungsdruck. Fazit: Deutschland fehlten die Ingenieure.

Erstaunlich nur: Die Bundesrepublik ist nach wie vor eine in vielen Bereichen führende Technologie-Nation, trotz aller beklagten Defizite im Bildungssystem. Wie ist das nur möglich?

Der Bildungsforscher Professor Ernst Hartmann von der VDI/VDE Innovation und Technik GmbH (iit) in Berlin weiß eine Antwort darauf: "Das liegt zum Teil an unserer sehr guten technischen Berufsausbildung im Rahmen des Dualen Systems aus Berufsschule und Betrieb". In einer vom iit herausgegebenen Studie ergänzen die Bildungsforscher Ulrich Blötz, Heinrich Tillmann und Bärbel Bertram: "Die deutsche Berufsbildung ist eine wesentliche Grundlage der deutschen Innovationsfähigkeit und hat auch im internationalen Vergleich erhebliche Leistungen erbracht, darunter einen Teil der Leistungen, die in anderen Ländern von Hochschulabsolventen erbracht werden."

Die gute betriebliche Ausbildung im Dualen System konnte bisher in gewissem Maße den Akademiker-Mangel kompensieren. Doch zwei demografische Entwicklungen lassen das Potenzial an geeigneten Lehrlingen schrumpfen: Zum einen wird es künftig insgesamt weniger Schulabgänger geben – die Kultusministerkonferenz rechnet mit einem Rückgang von einem Sechstel bis 2020. Zum anderen verschieben sich auch innerhalb dieser schrumpfenden Gruppe die Gewichte: Erstmals wird Bildungsforschern zufolge die Zahl der Abiturienten die der Hauptschüler übersteigen (siehe Grafik Seite 41). Das Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn rechnet damit, dass im Jahr 2020 ein Drittel weniger Schulabgänger Interesse an einer klassischen Lehre haben werden als heute. Eine alarmierende Botschaft für die Industrie – denn schon 2008 konnte jeder fünfte Betrieb nicht alle Ausbildungsplätze besetzen.

Neue Wege bei der Suche nach Lehrlingen sind also gefragt. Eine Firma, die dabei eine beachtliche Kreativität entfaltet hat, sitzt im Dortmunder Süden: der Pumpenhersteller Wilo SE. Dass Auszubildende hier einen hohen Stellenwert genießen, zeigt sich schon am Empfang. Statt vom Pressesprecher wird der Reporter gleich von einem Azubi begrüßt – vom 22-jährigen Denis Kias, künftiger Maschinen- und Anlagenführer im zweiten Lehrjahr. Er bringt den Gast zur Lehrwerkstatt und zu seinen Gesprächspartnern. Das Ausbildungskonzept von Wilo umfasst keine spektakulären Einzelprojekte. Dafür ist es aus einem Guss – es reicht vom Kindergarten bis zur Universität.

Mehr als zehn Prozent der gesamten Ausbildungskosten investiert Wilo, um Kinder und Jugendliche überhaupt erst einmal für Technik zu begeistern. Dabei schreckt das Unternehmen auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurück: Während der Sommerferien beteiligt sich Wilo etwa an der Kinderferienparty in der Dortmunder Westfalenhalle. Und wie baut man nun eine Brücke vom Kinderspaß zur Wasserpumpe? Ganz einfach: Die Kinder verzieren Pumpen und malen sie bunt an, bis daraus fantasievoll gestaltete Köpfe werden. Der schönste Pumpenkopf bekommt einen Preis. "Pumpenschminken" nennt Wilo das. Auch sonst bemüht sich Wilo, künftige Auszubildende anzusprechen, lange bevor diese selbst über eine Lehrstelle nachdenken. Dazu kooperiert Wilo mit zwei Realschulen und einem Gymnasium. Wilo-Mitarbeiter erscheinen dort regelmäßig auf den Elternabenden, informieren über Ausbildungsangebote oder üben mit den Jugendlichen Bewerbungsgespräche. Flankiert werden diese Maßnahmen unter anderem durch Lehrerpraktika und Betriebsbesichtigungen. Gemeinsam mit ThyssenKrupp veranstaltet Wilo zudem Aktionstage für Schüler an der Technischen Universität Dortmund. Dort konnten Kinder und Jugendliche etwa innerhalb eines Projekts ein Metallsuchgerät bauen oder der Frage nachgehen, welchen Weg ein Wasserstrahl durch die Luft nimmt und was Pumpen damit zu tun haben. Nach der trockenen Theorie ging es in das Labor von Wilo, wo eine Löschwasserpumpe den feuchteren Praxisteil nachlieferte – Wasserspiele inklusive. Technik, so die Botschaft, kann viel Spaß machen.

Betreut werden all diese Aktionen nicht nur von der Personal- und Ausbildungsabteilung – auch die Azubis selber sind immer mit dabei. So arbeiten die Lehrlinge gerade an einem Konzept, Kindergartenkinder spielerisch an das Thema Pumpe heranzuführen. Ab dem nächsten Jahr soll es in Einrichtungen umgesetzt werden, deren Kinder später einmal an die Kooperationsschulen von Wilo wechseln werden. Ebenfalls für 2010 geplant sind Computerkurse für Sieben- bis Zehnjährige sowie VIP-Tage für Professoren.

Der Erfolg dieses Aufwands: Wilo kann alle seine Ausbildungsplätze besetzen. Zurzeit arbeiten an den Standorten Dortmund, Oschersleben und Hof insgesamt rund 120 Auszubildende für die Berufe Fachinformatiker, Industriemechaniker, Elektroniker, Mechatroniker, Maschinen- und Anlagenführer, Zerspanungsmechaniker und technischer Zeichner – unter ihnen Denis Kias und die 21-jährige Julia Berg, Auszubildende für Zerspanungsmechanik. Beide haben Wilo bei einem Tag der offenen Tür kennengelernt. Ein Beispiel dafür, dass die Rekrutierungsbemühungen von Wilo auch Frauen ansprechen.

Während ihrer Ausbildung werkeln die Azubis nicht in Lehrwerkstätten vor sich hin, sondern arbeiten regelmäßig und in unterschiedlichen Abteilungen im Betrieb mit. Dabei lernen sie die Produktion kennen und die Produktionsleiter Stärken und Interessen der Azubis. So kommt es, dass heute schon Anfragen der Fachabteilungen an Ausbildungsleiter Kurt Weber vorliegen, genau diesen oder jenen Auszubildenden nach dessen Abschluss zu übernehmen.

Dieses Prinzip sichert den jungen Leuten den Job nach der Ausbildung. Und Wilo bekommt Facharbeiter, die nahtlos und ohne große Einarbeitungszeit in den Betrieb wechseln können. Kostspielige Versuche, ob die ehemaligen Azubis ins Team passen und dem Job tatsächlich gewachsen sind, erübrigen sich dadurch.

Damit ist die Lernphase aber noch nicht abgeschlossen. Zwei Industriemechaniker etwa, die ihre Ausbildung im letzten Lehrjahr abgeschlossen haben, sind nun Bachelor-Studenten der Fachrichtung Maschinenbau. Schon während ihrer Ausbildung konnten sie Vorlesungen besuchen und Prüfungsklausuren schreiben.

Konsequenterweise hören die Bemühungen um den Nachwuchs auch in höheren Semestern nicht auf. Um Top-Studenten an sich zu binden, beteiligt sich Wilo am "Club of Excellence" der TU Dortmund, der unter anderem Workshops in Rhetorik, Moderation und Kreativitätstechniken anbietet. Zudem nimmt Wilo am VDI-Programm Elevate teil, über das Studierende der Ingenieurwissenschaften Kurse in Soft- und Managementskills absolvieren können.

Angst davor, dass entsprechend gut ausgebildete Mitarbeiter dann irgendwann zur Konkurrenz wechseln, hat man bei Wilo nicht: Die Chance, sich weiterzuqualifizieren, bindet die Fachkräfte an den Betrieb. "Es kann für uns nicht besser laufen, als dass sich unsere Mitarbeiter immer höher qualifizieren", sagt Heidemarie Schöpke, die im Personalbereich von Wilo das Hochschulmarketing und die Ausbildung verantwortet. "Das sind die Spezialisten, die uns dann weiterbringen." (bsc)