Chat am Freitag: Sind Raubkopierer Verbrecher?
Im heise online-Chat am nächsten Freitag geht es um die Abschreckungskampagne "Hart aber gerecht" der deutschen Filmwirtschaft.
Die Filmwirtschaft will offensichtlich nicht die Fehler der Musikindustrie wiederholen. Diese hatte das Phänomen der Internet-Tauschbörsen zunächst ignoriert, um dann nahezu in Panik zu juristischen Gegenschlägen auszuholen. Mit einem deutlich verschärften Urheberrecht im Rücken, das das Recht auf die Privatkopie erheblich einschränkt und das Überwinden von Kopierschutzmaßnahmen zu kommerziellen Zwecken unter Strafe stellt, startete die ZKM Zukunft Kino Marketing GmbH eine Kampagne, die nach Ansicht von Kritikern erheblich über das Ziel hinausgeschossen ist und ein menschenverachtendes Weltbild zeige.
Unter dem Titel "Hart aber gerecht" läuft sie in diesen Tagen an, um nach den Worten der ZKM, einer Tochtergesellschaft verschiedener Branchenverbände, das fehlende Unrechtsbewusstsein des Endverbrauchers zu schärfen. Immerhin sollen sich die Einbußen der deutschen Industrie durch illegales Brennen von Spielfilmen auf CDs und DVDs schon im Jahre 2002 auf 800 Millionen Euro belaufen haben. Drastische, aber nach Meinung des ZKM humorvolle Video-Spots und Print-Motive sollen die Diskussion anregen und eine Message rüberbringen: "Raubkopierer sind Verbrecher". Da diese Aussage juristisch nicht haltbar ist, beeilte sich die ZKM, darauf hinzuweisen, dass sie das Wort Verbrecher nur im umgangsprachlichen Sinne benutzt.
Im umstrittensten Werbespot begutachten Strafgefangene zwei jüngere Neuankömmlinge, die sie als "Raubkopierer" bezeichnen. Die beiden älteren stellen sich nicht etwa die Frage, warum die Youngsters überhaupt im Strafvollzug gelandet sind, sondern wer von beiden den "knackigeren Arsch" hat. Für Kritiker ein Anzeichen dafür, dass hier sogar mit Vergewaltigung gedroht wird.
Für den Sprecher des Virtuellen Ortsvereins der SPD (VOV), Arne Brand, hört bei solchen Szenen der Spaß auf: "Das ist keineswegs humorvoll provokant, sondern empörend", wetterte Brand in einer Presseerklärung. Die im Artikel 2 des Grundgesetzes verbriefte körperliche Unversehrtheit gelte nach Meinung der Filmindustrie wohl nicht für Raubkopierer. Auch der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) hat nach Informationen von heise online starke Bedenken gegen die Machart der Kampagne. Nach mehreren Beschwerden beim Deutschen Werberat fragte ZAW-Geschäftsführer Volker Nickel gegenüber heise online: "Muss man dem Medienrezipienten tatsächlich so die Sporen geben?"
Diese Frage werden wir im nächsten heise online-Chat am Freitag an die ZKM weitergeben. Wir haben dazu Dr. Elke Esser, die Geschäftsführerin der ZKM, und Johannes Klingsporn, den Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher, eingeladen. Die beiden Verbandsvertreter treffen erstmals direkt auf den bisher schärfsten Kritiker, Arne Brand, denn bisher lief die Diskussion nur über Presseerklärungen. Für die c't-Redaktion nimmt der Ressortleiter des Bereichs Audio/Video, Volker Zota, teil.
Der Chat findet am Freitag, den 12.12.03 von 15 bis 16 Uhr statt. Der Chat-Raum ist wie gewohnt bereits eine Stunde vor der Veranstaltung geöffnet. Zu dieser Zeit blenden wir Links auf der Homepage und der Chat-Seite ein, die Sie direkt in den Chat führen.
c't magazin.tv wird sich am Samstag, den 13.12.03, ebenfalls mit dem Thema "Hart aber gerecht" befassen. Damit sich die Zuschauer und Internet-User ein Bild von der Kampagne machen können, bietet der Hessische Rundfunk schon jetzt einen RealMedia-Video-Stream des "Knasti-Spots" an. (mw)