Online-Buchhändler buch.de schreibt nach Durststrecke Erfolgsstory
Seit fĂĽnf Quartalen ist das Unternehmen bereits in den schwarzen Zahlen.
"Augenblick, verweile doch..." heißt die zum Bestseller avancierte Biografie von Tennis-Idol Boris Becker. Er ist einer von 350.000 Titeln, die beim Münsteraner Internet-Buchhändler buch.de ständig verfügbar sind. Den Augenblick möchte auch buch.de-Vorstand Albert Hirsch am liebsten festhalten. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern durchlebt er gerade die erfolgreichsten Momente der achtjährigen Firmengeschichte. Der Verkauf von Büchern, DVD, Videos und Compact-Discs über das Internet haben buch.de im Jahr 2003 erstmals in allen vier Quartalen in die Gewinnzone gebracht.
Vorüber sind die Zeiten, als es bei buch.de-Hauptversammlungen noch richtig laut wurde und der Börsenkurs -- etwa im April 2002 -- bei 41 Cent dümpelte. Heute müssen Käufer von buch.de-Aktien fast das Zehnfache zahlen. Für den Aktienstrategen Andreas Hürkamp von der Düsseldorfer WestLB ist der Werdegang der Münsteraner verblüffend. "Von den 60 bis 70 Unternehmen am Neuen Markt aus dem Internethandel sind vielleicht zehn übrig geblieben", sagt er. "Wer die vergangenen drei Jahre überstanden hat, der ist gestärkt aus der Krise hervorgegangen."
Vorstand Albert Hirsch pflichtet ihm bei: "Wir wurden geprügelt, weil wir nicht international waren, ausgelacht, bestraft von Analysten und Journalisten", erinnert er sich. "Aber wir haben unsere Linie gehalten." Von einst 5000 Online-Buchhändlern im World Wide Web gibt es heute noch um die 200. Hirsch ist sich sicher, dass weitere 80 Prozent verschwinden. buch.de wird nach seiner Einschätzung nicht dabei sein.
Geholfen beim Überlebenskampf hat ihm der Bertelsmann-Konzern aus dem benachbarten Gütersloh. Dessen DirectGroup wollte den Internetbuchhandel bol.de verkaufen und fand vor einem Jahr in der Douglas-Holding, über Deutschlands größten stationären Buchhändler Thalia zu 37,2 Prozent an buch.de beteiligt, einen Abnehmer. Bertelsmann bekam für sein ungeliebtes, weil erfolgloses Kind 25,1 Prozent der buch.de-Aktien. Heute ist bol.de die Boom-Marke in der buch.de-Gruppe.
Bertelsmann gab die Marke, buch.de das organisatorische Know-How -- seitdem brummt es auf den Bildschirmen und in den Kopfhörern der 40 buch.de-Mitarbeiter in Deutschland und der Schweiz. Schon von 2001 auf 2002 war der Gruppenumsatz von 12 auf 18 Millionen Euro gesprungen, für dieses Jahr rechnet Hirsch bei einem einigermaßen ordentlichen Weihnachtsgeschäft mit 40 Millionen Euro an Erlösen. Seit fünf Quartalen ist das Unternehmen in den schwarzen Zahlen. "Das unterscheidet uns vom Marktführer amazon.de", sagt Hirsch voller Stolz.
Während die stationären Buchhändler auf dem stark zersplitterten deutschen Markt darben und mit schrumpfenden Umsätzen kämpfen, wächst der Online-Handel derzeit weiter. 2002 lag der Online-Anteil am Gesamt-Buchmarkt von geschätzten 8 Milliarden Euro bei 4,5 Prozent, 2010 wird er nach Expertenansicht bei bis zu 25 Prozent liegen. "Das Internet wird weiter an Bedeutung für den Handel gewinnen", glaubt auch Hirsch. Der Münsteraner will davon seinen Anteil abhaben. Ganz auf traditionelle Werte will der virtuelle Buchladen, der auf das Lager des Grossisten Libri zurückgreift, dabei aber nicht verzichten.
So können bei buch.de bestellte Bücher weiter in den Filialen der Thalia-Kette abgeholt und zurückgebracht werden. Und der bundesweite Verkauf von im Münsterland verpackten Schnittblumen als Geschenk-Klassiker soll ebenfalls weiter ein buch.de-Markenzeichen bleiben. "Damit machen wir zwei Prozent unseres Umsatzes", sagt Hirsch. "Das tut uns nicht weh und wir haben riesige Handelsspannen", fügt der Kaufmann hinzu. Ob es jemals zum Verkauf von Parfüm der Konzernmutter Douglas über buch.de-Clicks kommt, will Hirsch nicht ausschließen. "Im Moment haben wir es nicht vor", sagt er aber. (dpa)/ (tol)