"Alleskönner" Handy

Ist Telefonieren nur noch Nebensache? Farbdisplays und Kameras setzten sich bei Handys in diesem Jahr durch.

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Von
  • Katharina Klink
  • dpa

Telefonieren scheint nur noch Nebensache: Viele Handynutzer fotografieren mittlerweile mit ihren Mobiltelefonen oder laden Bilder und Musik aus dem Internet herunter. Die aktuellen Geräte der großen Hersteller sind fast alle mit Farbdisplays und integrierten oder ansteckbaren Kameras ausgestattet. "Im Jahr 2003 gab es einen Innovationssprung", sagt Anja Klein, Sprecherin des Unternehmensbereichs Mobiltelfone bei Siemens in München. Auch für das Jahr 2004 kündigen die Handyentwickler technische Neuigkeiten an. "Schon ab der Einsteigerklasse sind unsere Handys mit Farbdisplays ausgestattet und mit fast allen neuen Geräten kann man MMS verschicken", sagt Klein. Auch wenn weltweit Kamera-Handys erst rund 15 Prozent ausmachten, sei diese Neuentwicklung ein großer technischer Sprung. "Handys mit den neuen Funktionen werden deshalb auch immer öfter einfach so gekauft, ohne dass der Vertrag des Kunden endet." Marktforschungsergebnisse zeigten außerdem, dass rund 60 Prozent der deutschen Handynutzer planen, ein MMS-taugliches Handy oder ein Gerät mit Kamera zu kaufen.

"Zwar gibt es bei uns weiterhin Handys ohne Farbdisplay oder MMS-Dienste", meint Marco Kreye, Produktmanager bei Nokia in Düsseldorf. Aber auch bei dem finnischen Handyhersteller wird das fotografierende Mobiltelefon als der zurzeit größte Trend gesehen. Neben Geräten mit integrierter Kamera ist auch die "Fun-Camera" im Angebot, die an sechs verschiedene Handys angeschlossen werden kann. Andere Geräte wie das Nokia 6220 könnten mit ihrer integrierten Kamera auch Videos aufzeichnen. Auch bei den Herstellern Sony Ericsson und Motorola sind die Geräte bis auf die Einsteigermodelle mit Fotokameras und Farbdisplays ausgestattet. "Das Design des Modells Z600 ist völlig auf diese Doppelfunktion ausgerichtet", betont Sony Ericsson-Sprecherin Myriam Hoffmann in Köln. So sehe die Rückseite des Gerätes aus wie eine Digitalkamera, und die wechselbaren Oberschalen seien darauf eingerichtet.

Die meisten Handybauer bieten neben den Einsteiger- und Mittelklassemodellen auch Highend-Geräte mit zum Teil erheblichen zusätzlichen Funktionen an. Der US-amerikanische Handybauer Motorola mit Deutschlandsitz in Taunusstein (Hessen) hat zum Beispiel das MPX200 im Programm. Das Gerät im Klapp-Design sei das erste Handy eines der großen Herstellers in der Branche, in dem Software von Microsoft vorinstalliert ist, sagt der Sprecher des Unternehmens Rej Husetovic. In die Modelle 6600 und 3660 von Nokia können wiederum externe Speicherkarten integriert werden. "Darauf lassen sich bis zu 1000 Bilder speichern", erklärt Produktmanager Kreye. Außerdem könnten Fotos bearbeitet, Videos aufgenommen, geschnitten und vertont werden. Eher das junge Publikum ansprechen soll das Spielehandy N-Gage von Nokia. Das Gerät ist vor allem eine Spielekonsole, für die Nokia im Jahr 2004 mindestens 50 neue Spiele auf den Markt bringen will. Außerdem kann mit dem N-Gage auch klassisch telefoniert werden, Spiele über das Internet und per Funkstandard Bluetooth mit anderen Geräten sind ebenfalls möglich. Auch Siemens hat mit dem SX1 ein Highend-Gerät auf dem Markt, das unterschiedliche Dienste miteinander kombiniert: Neben einer eingebauten Kamera, einem Video- und Musikplayer und einer Spieleplattform verfügt das Modell laut Siemens auch über eher geschäftlich nutzbare Programme wie einen Organizer und ein abgleichbares Adressbuch.

Ein Ende der Entwicklung immer neuer Dienste für das Handy ist den Herstellern zufolge nicht in Sicht. Bei Motorola sei zum Beispiel für das Jahr 2004 die neue "push-to-talk"-Funktion geplant. Mit einem Knopfdruck könnten damit einzelne Personen oder Gruppen angerufen werden. "Derart neue Dienste werden oft belächelt, stellen sich dann aber als erfolgreich heraus", sagt Motorola-Sprecher Husetovic. Nokia will im zweiten Quartal 2004 mit dem Nokia 7700 ein Handy als "Medienterminal" herausbringen. "Damit verschmilzt der Mobilfunk- mit dem Medienbereich", meint Produktmanager Kreye. Das 7700 verfüge über einen besonders großen Touchscreen mit rund 65.000 Farben. Die Bedienung ist über einen Stift möglich, und das Gerät eignet sich Kreye zufolge besonders gut zur Einwahl ins Internet. Video- und Audiodaten können auch im Streaming-Verfahren aus dem Internet abgerufen werden.

Siemens-Sprecherin Klein rechnet damit, dass sich in nächster Zeit Dienste wie das Video- und Audiostreaming nach und nach auf dem Massenmarkt durchsetzen. Statt großer neuer technischer Entwicklungen erwartet sie außerdem eher Verbesserungen der bestehenden Technik. "Es werden immer mehr Farben in den Displays möglich sein." Sony-Sprecherin Hoffmann geht davon aus, dass sich vor allem die Pixelzahl der Handyfotos in Zukunft erhöhen wird und damit die Qualität steigt. Aus Sicht der Handyhersteller gehe es vor allem darum, durch höhere Speicherkapazitäten die Voraussetzungen für neue Anwendungen zu schaffen, betont Nokia-Produktmanager Kreye. "Wichtig sind auch offene Standards, sodass mit Handys unterschiedlicher Hersteller in verschiedenen Netzen die neuen Dienste genutzt werden können." Dann hänge es von der Kreativität der Netzbetreiber ab, was neben Fotos, Videos und Multimedia-Nachrichten noch möglich sein wird. Motorola-Sprecher Husetovic ist sich jedenfalls sicher: "Wir werden in Zukunft Dienste haben, die wir heute noch gar nicht kennen." (Katharina Klink, dpa) / (jk)