Intelligente Steckdosen statt Smart Meters
Das EU-Projekt HYDRA hat ein hübsches Konzept entwickelt, das den Verbrauchern einen detaillierten Überblick über die eigenen Stromfresser gibt – ohne Datenabgriff von außen.
- Niels Boeing
Bisher gleicht die Stromversorgung für uns Verbraucher einer gigantischen Black Box: Die Erzeuger schütten Strom hinein, und wir ziehen ihn wieder heraus. Wir können zwar am Stromzähler eine Ahnung davon bekommen, wieviel wir verbrauchen, wissen aber nicht, welches Gerät in einem bestimmten Augenblick wieviel verbraucht. Am Ende des Jahres kommt die Stromabrechnung, bei deren Empfang wir über unseren Jahresverbrauch die Stirn runzeln – und dann legen wir sie wieder zu den Akten.
Das ist natürlich völlig unzeitgemäß, wenn Strom möglichst effizient und sparsam genutzt werden soll. Nun beschert uns die Politik so genannte Smart Meters (siehe TR-Artikel von gestern). Die teilen dem Stromlieferanten mit, wieviel Energie jeder der 40 Millionen Haushalte gerade verbraucht. Auch wenn die Energieerzeuger versichern, man wolle und werde mit den dabei anfallenden Datenmassen keinen Schindluder treiben, ist mir nicht wohl dabei, dass hiermit ein weiterer Einbruch in die Privatsphäre möglich wird – ganz zu schweigen von dem direkten Zugriff auf den einzelnen Verbraucher (mein generelles Unbehagen an der grünen Datensammelei habe ich bereits 2007 in diesem Blog beschrieben).
Vor diesem Hintergrund gefällt mir ein Konzept des EU-Forschungsprojekts HYDRA unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik deutlich besser. Es könnte nämlich jedem von uns verbraucherseitig einen genauen Blick auf die Stromfresser im Haushalt ermöglichen, ohne dass jemand von außen Zugang zu den Daten hat.
Das System besteht (derzeit) aus zwei Komponenten: der Middleware "Hydra", die auf dem Rechner oder dem Handy installiert werden kann, und den "Power Ploggs" des britischen Herstellers Plogg International. Die Ploggs werden zwischen Steckdose und Gerät geschaltet und übermitteln den aktuellen Verbrauch mittels Zigbee-Standard an die Hydra-Software. Die liefert nicht nur ein feinkörniges Bild, wieviel Strom Kühlschrank, Fernseher, Hifi-Anlage etc. gerade ziehen. Sie kann den Verbrauch auch nach Räumen aufschlüsseln, den durchschnittlichen Jahresverbrauch eines Geräts berechnen oder einen Stromfresser ganz gezielt abschalten.
Bisher handelt es sich bei dem System um einen Prototypen, der unter anderem auf der CeBIT vorgestellt wird. Das HYDRA-Projekt selbst läuft noch bis Ende des Jahres. Danach will das Konsortium entscheiden, ob und wie es kommerzialisiert wird. Die Ploggs selbst sind noch ziemlich teuer: 197 Pfund verlangt der Hersteller pro Teil. Weil nur wenig Rechner eine Zigbee-Schnittstelle haben, muss man zudem derzeit einen Adapter über USB anschließen.
Aber die Richtung stimmt. Im Prinzip läuft das Konzept auf die "intelligente" Steckdose hinaus, in die Messvorrichtung und Sender gleich integriert sind. Wenn die Technologie zur bezahlbaren Massenware wird, könnte man in einigen Jahren die herkömmlichen Steckdosen gegen die neuen austauschen. Vielleicht kommt dann noch ein kleines Display in der Küche dazu, das den aktuellen Stromverbrauch darstellt.
Das wäre dann endlich mal eine wirklich sinnvolle Variante des voll vernetzten Haushalts. Einziger Schönheitsfehler: Die Produktion von hunderten Millionen, ja Milliarden intelligenten Steckdosen käme mit einem nicht ganz leichten ökologischen Rucksack daher. Auch der "grüne" Fortschritt hat leider seine Kehrseite. (nbo)