Die Münchner Medienbranche ordnet sich neu
Vor allem die Hollywood-Studios streckten in jüngster Zeit verstärkt ihre Fühler in die bayerische Metropole aus, meint etwa der Chef der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien.
Die Medienhauptstadt München spürt nach der schweren Branchenkrise wieder Aufwind. Nach Börsen-Crash, Kirch-Pleite und der Übernahme von Deutschlands größter TV-Senderkette ProSiebenSat.1 durch den US-Milliardär Haim Saban sehen viele Unternehmen gute Chancen für einen Neuanfang. Vor allem das Engagement Sabans könnte nach Einschätzung von Branchenexperten die Begehrlichkeiten anderer Investoren aus dem In- und Ausland wachsen lassen, erwarten Branchenexperten. "Es gibt deutliche Signale amerikanischer Unternehmen, die sich stärker in München engagieren werden", sagt der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, Wolf-Dieter Ring.
Vor allem die Hollywood-Studios streckten in jüngster Zeit verstärkt ihre Fühler in die bayerische Metropole aus. Der Zusammenbruch des Kirch-Imperiums habe in dieser Hinsicht wie ein Katalysator gewirkt, meint Ring: "Früher bestand nur über Kirch ein Kontakt zu den Studios, heute werden sie selbst aktiv und versuchen eigenständig, in den deutschen Markt hineinzugehen." Rückenwind verspricht dabei auch der Aufwärtstrend an der Börse. Mit steigenden Kursen sehen Beteiligungsfirmen wieder zunehmend Möglichkeiten, Aktienpakete einige Jahre nach dem Einstieg Gewinn bringend zu veräußern.
Die größten Wachstumschancen rechnen Experten dem Multimedia-Bereich zu. "Dieser Bereich ist in München jetzt schon auf Platz zwei hinter der Werbung und wird sich in den kommenden Jahren eindeutig weiter nach vorne entwickeln", sagt Reinhard Dörfler von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Die Grenzen zur Informations- und Kommunikationstechnologie würden dabei zusehends verschwimmen. München mit seinem breiten Branchen-Mix sei für diese Entwicklung bestens aufgestellt. Für die Printmedien erwartet Dörfler dagegen eher eine Stagnation.
Die Probleme der vergangenen Jahre waren nach Überzeugung von Experten auch hausgemacht. "Natürlich sind da Fehler gemacht worden: Viele Unternehmen sind mit dem gleichen Geschäftsmodell auf den Markt gegangen und konnten sich nicht halten", betont Dörfler. Auch die mangelnde Kapitalausstattung zwang so manches Startup schon bald wieder zur Aufgabe. In einer Studie hat die Kammer festgestellt, dass nur knapp die Hälfte der über 14.000 Medien-Unternehmen in der Stadt München und im Landkreis älter als zehn Jahre sind. "Die Unternehmen, die die Krise durchgestanden haben, sind jetzt offensichtlich reifer geworden und haben ihr Eigenkapital und Marktposition gestärkt", sagt Dörfler.
Aber auch inhaltlich sollten die Firmen weiter an ihrer Strategie feilen und beispielsweise die Breite ihrer Aufstellung überdenken, empfiehlt Professor Arnold Picot, vom Institut für Information, Organisation und Management an der Ludwig-Maximilians-Universität. "Bei der Ausweitung ihrer Aktivitäten sollten sie immer prüfen, ob sich einzelne Geschäftsfelder nicht auch über gute Partner abwickeln lassen und sich auf ihre Stärken konzentrieren." So könne es für Unternehmen der Filmbranche durchaus sinnvoll sein, beispielsweise den Rechte-Handel an Spezialisten weiterzugeben. In der großen Palette von Medienfirmen sieht der Wissenschaftler einen eindeutigen Vorteil Münchens, der dem Standort auch über die Krise geholfen habe.
Auch nach Einschätzung Dörflers steht die Branche in München besser da als nach den Krisenjahren zu erwarten gewesen wäre. So stieg die Zahl der Arbeitsplätze innerhalb der vergangenen vier Jahre um die Hälfte auf 187.000. Dabei verschoben sich die Gewichte allerdings deutlich in Richtung freier Mitarbeitsverhältnisse. Während die Zahl der Festangestellten nur um 14 Prozent zulegte, hätten sich die freien Mitarbeiter mehr als verdoppelt. (Christine Schultze, dpa) / (jk)