Der Mensch als interstellarer Spammer?
Weil wir keine Signale von Aliens finden, wollen Forscher nun selbst mit Nachdruck ins All senden. Einige Fachleute halten das für keine so gute Idee – und nicht nur, weil unklar ist, was wir eigentlich mitteilen wollen.
- Niels Boeing
Der immer wieder anregende New Scientist hat in seiner aktuellen Ausgabe eine schöne Titelgeschichte zur Frage, ob wir aktiv eine Botschaft ins All schicken sollen, statt wie im SETI-Projekt nur unsere radioastronomischen Lauscher zu spitzen. Daran knüpft sich die nächste Frage an, mit was für Außerirdischen wir es überhaupt zu tun bekommen könnten.
Von der zweiten Antwort hängt die erste nicht unmaßgeblich ab. Nun bewegen wir uns hier zwar in der Leere des spekulativen Raums, aber es gibt zumindest eine Denkfigur, die sich bewährt hat: das Kopernikanische Prinzip. Es besagt, dass die Erde – und damit auch das, was auf ihr kreucht und fleucht – keine besondere Stellung im Universum hat. Wir, unser Planet und unser Sonnensystem sind totaler Durchschnitt. Was dann auch heißen würde, dass es nicht wenige ähnlich gestrickte Spezies da draußen geben sollte.
Passend dazu hält es die am NASA Ames Research Center arbeitende Evolutionsbiologin Lynn Rothschild für wahrscheinlich, dass auch hochentwickelte Aliens biologisch gesehen Raubtiere, also Fleisch- oder Allesfresser, sind. Die ständige Jagd nach dem Fressen erfordere mehr Intelligenz als ausschließlich auf Pflanzen herumzukauen. Ausnahmen bestätigen die Regel (bei uns nach allem, was man weiß, etwa Elefanten). Intelligenz wiederum führt nicht automatisch zu einer guten Gesinnung.
Das sollte uns zumindest zu denken geben. Der SETI-Forscher Seth Shostak sagte mir einmal vor Jahren, wenn uns tatsächlich Aliens je einen direkten Besuch abstatten sollten, würde er sofort das Weite suchen. Er kann sich nicht vorstellen, das sie einfach nur vorbeikommen, um Hallo zu sagen. Wahrscheinlicher ist für ihn, dass eher ein Ressourcenproblem die Außerirdischen in die Ferne treiben würde – nicht anders als in der menschlichen Geschichte, die wir hier ja als völlig durchschnittlich betrachten. Und dann hätten wir ein Problem.
Angesichts solcher Überlegungen ist eine interstellare Spam-Mail vielleicht keine so gute Idee. Dass die als elektromagnetische Strahlung etliche Jahre braucht, um irgendwo einzutreffen, und auch noch mit einer unglaublichen hohen Leistung abgestrahlt werden muss, um eine Chance zu haben, tut dabei erst mal nichts zur Sache. Tatsächlich sind im Streit über eine Botschaft bereits vier SETI-Beteiligte, darunter der Sciencefiction-Autor David Brin, aus dem Projekt ausgestiegen. Brin beklagt, dass die Befürworter einer Botschaft einem unreflektierten Bild vom superintelligenten und guten Alien – wie zum Beispiel im Film "Contact" – anhingen.
Dieses Bild hat wohl schon die erste radioastronomische Arecibo-Botschaft 1974 geprägt. Wer die 210 Byte umfassende Pixelfläche sieht, versteht sie ohne Anleitung kaum (kurioserweise hat sie der New Scientist spiegelverkehrt abgedruckt). Sie zeigt unter anderem die DNS-Helix und deren vier Basen-Bausteine, das Arecibo-Teleskop und die Zahlen 1 bis 10 in einer binären Kodierung. Dass die ebenso wie die Mathematik universell gültig ist, bezweifle ich nicht. Aber was soll ein Alien für einen Erkenntnisgewinn aus unserem kosmisch gesehen unerheblichen Dezimalsystem ableiten?
Es fällt auf, dass alle bisherigen Ansätze stark nerdig waren – also immer Mathematik und Physik in den Vordergrund stellten. Aber so wie auf der Erde beides für die meisten Menschen im Alltagsleben kaum eine Rolle spielt, könnten auch Außerirdische nach dem Kopernikanischen Prinzip eher mit Äquivalenten zu Pop, Klatsch und Sex beschäftigt sein. Mit dem Prinzip könnte man natürlich auch argumentieren, dass es immer eine naturwissenschaftlich-technische Elite ist, die die Empfangsgeräte betreibt und Lust auf Denksport hat.
Vielleicht aber sollte man das ganze Thema einfach so locker sehen wie der Physiker Richard Gott. Der hat mal gesagt: "Da wir noch auf unserer Heimatwelt hocken, sagt uns das Kopernikanische Prinzip, dass ein beträchtlicher Teil intelligenter Wesen ebenfalls auf ihren Welten hockt, denn sonst wären wir etwas Besonderes. Das erklärt, warum wir nicht von Außerirdischen kolonisiert worden sind."
(nbo)