Mobile Immobilien
Bisher war transportable Architektur vor allem praktisch und hässlich. Seit Kurzem jedoch bieten einige Unternehmen bewegliche Behausungen gehobenen Standards an.
- Wolfgang Richter
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 02/2010 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie ältere Ausgaben, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Bisher war transportable Architektur vor allem praktisch und hässlich. Seit Kurzem jedoch bieten einige Unternehmen bewegliche Behausungen gehobenen Standards an.
Dass die Flasche Sekt noch niemand geklaut hat, ist verwunderlich. Immerhin pilgern schon seit mehr als zwei Jahren Besucher auf das Gelände des Museums am Waldsee in Berlin, um sich eines der international bekanntesten Aushängeschilder mobiler Architektur anzusehen. Der "Loft Cube" des Designers Werner Aisslinger ist auf 39 Quadratmetern Luxus pur: eine Lounge-Landschaft mit breitem Doppelbett und flauschiger Sitzgarnitur, daneben das mit Schiebetüren aus mattem Glas abgetrennte Bad mit großzügiger Dusche und schließlich die ganz in Weiß gehaltene Küche mit frei stehendem Herd und geschwungenem Tresen. Der Schaumwein im Kühlschrank soll wohl vermitteln, dass hier gleich einer einziehen könnte. Dass es noch keiner getan hat, ist das Problem.
Das eigene Haus beim Umzug einfach mitnehmen, sich an jedem Ort gleich in vertrauter Umgebung wohl fühlen – mobile Wohnmodule wie der Loft Cube sollen diesen Traum erfüllen. Man kann sie schnell aufbauen und einfach transportieren – Heimstätten für moderne Nomaden, deren Arbeitgeber immer mehr Flexibilität fordern. Im Ausland, vor allem in Holland und England, wachsen bereits ganze Siedlungen aus Container-Wohnungen. Ihr Design hebt sich wohltuend ab von den temporären Behausungen, wie man sie zum Beispiel von Großbaustellen her kennt. In Deutschland existieren bisher nur Prototypen, doch die bestechen durch kreative Entwürfe und perfekte Technik.
"Unsere Zielgruppen sind moderne Performer, Experimentalisten und Etablierte", antwortet Christian Friedrich auf die Frage, wer den Loft Cube denn kaufen soll. Der Marketingleiter meint damit drei der zehn Schichten, in die das Trendforschungsinstitut Sinus die Bundesbürger einteilt. Eines müssen diese Nutzer gemeinsam haben: viel Geld. Denn der rundum verglaste, auf vier Stelzen in eineinhalb Metern Höhe schwebende Würfel soll voll ausgestattet 190000 Euro kosten. Für den Aufbau vor Ort inklusive kleinen Betonfundamenten für die Stelzen sowie Strom- und Wasseranschluss fallen noch einmal mindestens 20000 Euro an. Vielleicht auch deshalb kann Friedrich bisher nur zwei Käufer nennen, die den Loft Cube als Büro beziehungsweise Showroom verwenden. Ein drittes Exemplar wird für Messen vermietet und ist schon mehr als zehnmal auf- und abgebaut worden. Die vorgefertigten Elemente passen in zwei Lkw.
Die WĂĽrfelform hat es auch einem anderen Erfinder mobiler UnterkĂĽnfte angetan. Richard Horden, Architekt in London und Professor an der TU MĂĽnchen, hat sich fĂĽr sein "Micro Compact Home" vom Flugzeugbau inspirieren lassen. FĂĽr den Airbus A340 etwa gibt es spezielle Schlafcontainer, in denen auf LangstreckenflĂĽgen eine zweite Crew im Flugzeugrumpf ĂĽbernachtet. Wie an Bord kann man in Hordens WĂĽrfel ĂĽberall etwas ausziehen oder einklappen. Auf gerade mal sechs Quadratmetern bringt er so eine komplette KĂĽche, Dusche und WC sowie zwei breite Einzelbetten unter, die ĂĽbereinander liegen. Das obere kann man hochklappen, das untere verwandelt sich mithilfe einer verschiebbaren Platte in einen Tisch fĂĽr fĂĽnf Personen. "Wie in einem japanischen Teehaus sollte man seine Schuhe vor der TĂĽr ausziehen", sagt Horden. "Damit passt man sich dem kleinen Raum an, zumal es wie im Teehaus keine StĂĽhle gibt."
Mit seinen grauen Kunststoff- und Metalloberflächen im Innenraum, einem durchdachten Beleuchtungskonzept und der Fassade aus Aluminium ist auch das Micro Compact Home längst zu einem Kultobjekt geworden. Es stand im Museum of Modern Art in New York, und ein großer Mobilfunkbetreiber hat in München ein kleines "Studentendorf" mit acht Würfeln gesponsert. Richard Horden bietet sein Wohnmodul nun zum Preis von 50000 Euro inklusive Installation vor Ort an. "Das ist natürlich ein Henne-Ei-Problem", meint Horden. "In Serie könnten wir wesentlich billiger produzieren."
Gleich in Serie bauen zu können, das erhofft sich ein Projektteam aus Stuttgart, das seinen Prototypen "Suite4u" im Sommer vorstellte. Die Architektin Sigrid Hintersteininger hat einen gebrauchten Frachtcontainer an beiden Enden mit Glasfronten versehen und innen mit hochwertigen Materialien ausgestattet. Der Clou: Alle Möbel sowie Dusche und Waschbecken sind aus dreieckigen Flächen aufgebaut. Sie wurden so angeordnet, dass die Einrichtung möglichst wenig Raum in Anspruch nimmt. Maßstäbe setzt die Suite4u beim Energiebedarf: Mit 2200 Kilowattstunden pro Jahr für Warmwasser und Heizung bei einer Wohnfläche von 19 Quadratmetern entspricht sie dem Verbrauchswert für eine Neubauwohnung modernsten Standards. Möglich machen dies unter anderem Vakuum-Dämmpaneele und eine Decke aus "Phasenwechsel-Material". Es besteht aus mikroskopisch kleinen Kunststoffkapseln mit einem Kern aus Wachs und ersetzt im Sommer eine Klimaanlage. Steigt die Raumtemperatur, schmilzt das Wachs und nimmt dabei Wärmeenergie auf. Nachts, wenn es kühler wird, kann sich dieser neue, von BASF entwickelte Hitzepuffer regenerieren, das Wachs wird wieder fest und gibt Wärme ab.
"Als Standorte für die Suite4u kommen zum Beispiel Brachflächen in Innenstädten infrage, die erst in einigen Jahren bebaut werden", sagt Architektin Hintersteininger. Auf ihnen könnten als Zwischennutzung Hotels oder Studentenwohnheime entstehen, aufgebaut aus Containermodulen. Bei einer Produktion von mindestens 100 Einheiten gehen die Stuttgarter von einem Stückpreis von 25000 Euro aus. Damit wären sie konkurrenzfähig zu Anbietern aus den Niederlanden, die Frachtcontainer und Eigenkonstruktionen aus Kunststoff anbieten, jeweils mit Standardtechnik ausgerüstet. Allerdings haben diese Firmen einen Praxisvorsprung, denn in Holland werden bereits mehr als 2000 solcher Containermodule – meist von Studenten – bewohnt.
Werden wir also irgendwann wirklich unsere Wohnung von Hamburg nach München verschicken können, ohne einen einzigen Bücherkarton packen zu müssen? Han Slawik, deutsch-niederländischer Architekt und Container-Pionier der ersten Stunde, hält dieses Szenario für durchaus realistisch. "Wohnungen aus Modulen lassen sich einfach erweitern, aber bei Bedarf auch verkleinern", meint er. Für einen reibungslosen Ablauf solcher "Umzüge mit Haus" müsste es in jeder Großstadt ansprechend gestaltete Siedlungen geben, in die sich neue Wohnmodule problemlos integrieren lassen. Slawik hat dazu Container aus Holz entwickelt: Sie stehen hochkant und bieten so Raum für drei Stockwerke auf einer kleinen Grundfläche. Wie in einem Dorf könnte man sie um Gassen und Plätze herum gruppieren.
Als weiterer Standort für die mobilen Eigenheime bieten sich Dächer an. Loft-Cube-Designer Werner Aisslinger sieht vor seinem geistigen Auge eine neue Penthouse-Wohnkultur, szenige Dachwohnungen mit tollem Ausblick und Freiheitsgefühl; rund elf Prozent aller Berliner Dächer sind Flachdächer. Spielverderber könnte dabei allerdings die Statik sein – ob es erlaubt wäre, auf jedes Flachdach einen 12 bis 15 Tonnen schweren Loft Cube zu stellen, ist fraglich. Immerhin: Das Micro Compact Home wiegt nur zwei Tonnen und dürfte damit dachtauglich sein.
(bsc)