Angriff auf den Achselschweiss
Moderne Deos können weit mehr, als nur unangenehme Gerüche zu überdecken. Manche greifen sogar in die menschliche Biochemie ein.
- Anke Brodmerkel
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 01/2010 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie ältere Ausgaben, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Moderne Deos können weit mehr, als nur unangenehme Gerüche zu überdecken. Manche greifen sogar in die menschliche Biochemie ein.
Die menschliche Achsel ist eine Brutstätte des Lebens. Millionen von Bakterien mindestens 50 verschiedener Arten tummeln sich in der dunklen, feuchtwarmen Höhle. Zu Zeiten, in denen die Menschen noch weniger über Sprache und mehr über Gerüche kommunizierten, hatten die winzigen Keime eine wichtige Aufgabe: Sie wandelten die im Schweiß enthaltenen Abbauprodukte des männlichen Hormons Testosteron um in Sexuallockstoffe. Nach Sandelholz duftendes Androstenol und das schon in geringsten Konzentrationen wahrnehmbare Androstenon sorgten dafür, dass unsere Vorfahren zueinander fanden und bald darauf neues Leben hervorbrachten.
Auch den Bakterien selbst bietet der menschliche Schweiß die perfekte Lebensgrundlage – zumindest die Sorte, die bei sexueller oder anders gearteter Erregung von den großen Knäueldrüsen in den Achselhöhlen und im Genitalbereich gebildet wird. Denn anders als der Kühlungsschweiß, der in den kleinen Knäueldrüsen entsteht und hauptsächlich Wasser und Salze enthält, ist die Flüssigkeit, die erwachsene Menschen bei Aufregung oder Angst ausschwitzen, reich an Fetten, Proteinen und Aminosäuren. Die Bakterien, allen voran Staphylokokken und Corynebakterien, ernähren sich davon. Allerdings gelingt es ihnen nicht, die Nährstoffe restlos abzubauen: Was sich als unangenehmer Körpergeruch bemerkbar macht, sind meist kurze, verzweigte Fettsäuremoleküle, die unsere Hautbewohner nicht weiter verwerten können.
Für unsere frühesten Vorfahren mag diese Duftmarke noch von Vorteil gewesen sein. Doch spätestens seitdem sich Mann und Frau auch auf andere Weise annähern können, versuchen die Menschen, gegen ihren Körpergeruch anzugehen. Schon um 1500 vor Christus sollen die Chinesen sich bemüht haben, mit einer Mischung aus Harzen und tierischen Fetten ihre Ausdünstungen zu übertünchen. Moderne Deos dagegen bekämpfen Schweißgeruch auf angenehmere Art. Antitranspirante etwa enthalten organische Aluminium- und Zirkoniumsalze, die bei Feuchtigkeit aufquellen und dann die Ausführgänge der Schweißdrüsen verstopfen. Auf diese Weise wird die Schweißproduktion um 20 bis 60 Prozent reduziert.
Reine Deodorants enthalten Parfümöle, die aber meist mehr können, als nur gut zu riechen: "Manche von ihnen sind in der Lage, das Wachstum der Bakterien einzudämmen oder Enzyme, die an der Entstehung der schlecht riechenden Moleküle beteiligt sind, gezielt zu blockieren", sagt Bernhard Banowski, der für Deodorants zuständige Produktentwickler bei der Düsseldorfer Firma Henkel. Um solche Multitalente zu finden, werden bei Henkel und in anderen Entwicklungslabors unterschiedlichste Parfümöle in Petrischalen auf das gängige Bakterienarsenal losgelassen. Hat man einen verheißungsvollen Kandidaten gefunden, muss er sich im Praxistest bewähren. Eingebettet in die Grundsubstanz eines Deos tragen Probanden ihn auf und stellen sich dann dem Sniff-Test. Speziell geschulte Mitarbeiter beschnuppern dabei kritisch die Ausdünstungen aus den Achseln der Versuchsteilnehmer.
"Bei solchen Tests zeigt sich auch, wie verschieden die Menschen auf ein bestimmtes Deo reagieren", berichtet Vera Matz von der Hamburger Firma Unilever. Kaum ein Deo wirkt nämlich bei allen Menschen gleich gut. Manchmal komme es sogar vor, dass die beiden Achselhöhlen ein und desselben Menschen unterschiedlich röchen, sagt Matz. Grund dafür ist die von Mensch zu Mensch und von Achsel zu Achsel variierende Mikrofauna – deren Vielfalt vermutlich noch immer nicht restlos entschlüsselt ist.
Sämtliche großen Hersteller von Deos stecken daher viel Geld in die Forschung, mit der sie unter anderem die unter den Achseln lebenden Keime näher kennenlernen und noch besser verstehen wollen. Unilever etwa beauftragte ein Team um Iris Brune vom Center for Biotechnology der Universität Bielefeld, das Erbgut des Corynebacterium jeikeium unter die Lupe zu nehmen. "Es ging darum, herauszufinden, welche Gene unter bestimmten Bedingungen an- und ausgeschaltet sind und wie sich die Gene für Enzyme des Fettstoffwechsels gezielt stilllegen lassen", sagt Brune.
Damit ein Deodorant seine Kapazität nicht so schnell verliert, haben die Hersteller unterschiedliche Strategien entwickelt, mit deren Hilfe die vielfach talentierten Parfümöle nur nach und nach abgegeben werden. "Manche von ihnen sind an Moleküle gekoppelt, die bewirken, dass die duftenden Substanzen nur ganz allmählich freigegeben werden", erklärt Dagmar Preis-Amberger, die Leiterin des Henkel Fragrance Centers in Krefeld. Unilever hingegen verpackt bei einigen seiner Deos die Parfümöle in wenige Mikrometer große Kapseln aus Maisstärke und dem Zuckeralkohol Mannitol. "Erst wenn die Kapseln mit Schweiß zusammentreffen, lösen sie sich auf und setzen die Wirkstoffe frei", erklärt Vera Matz. Das funktioniert allerdings nur bei wasserfreien Deosticks und Aerosolen.
Das Hamburger Unternehmen Beiersdorf hat noch einen anderen Ansatz gewählt: Sein erklärtes Ziel ist es, Fette und Proteine gar nicht erst auf die Haut gelangen zu lassen. Gelingt das, können sie dort auch nicht zersetzt werden und unangenehme Gerüche entwickeln. Die Wissenschaftler des firmeneigenen Forschungszentrums haben nun im Herbst ein Transportprotein ausfindig gemacht, das alle geruchserzeugenden Schweißkomponenten an die Hautoberfläche befördert. Mit ihrer im "Journal of Investigative Dermatology" veröffentlichten Studie sei es gelungen, eine Lücke im Verständnis der Vorgänge bei der Entstehung von Körpergeruch zu schließen, sagt Heiner Max, der Leiter der Beiersdorf-Forschungsabteilung Körperpflege. Die genaue Kenntnis des Transportproteins und seiner Funktion soll künftig Produkte ermöglichen, die gezielt dort ansetzen und so der Geruchsbildung frühzeitig entgegenwirken.
Das Deo der Zukunft könnte allerdings auch am anderen Ende der Duftkette wirken – in der Nase der umstehenden Personen. Man weiß inzwischen, dass in der Nasenschleimhaut 350 verschiedene Riechrezeptoren existieren, von denen jeder einzelne auf ein definiertes Set von Duftstoffen reagiert. Interessant dabei ist, dass sich die Riechrezeptoren durch bestimmte Duftstoffe blockieren lassen – der Maiglöckchenrezeptor etwa durch das Aldehyd Undecanal.
"In der Theorie ist es ganz einfach", sagt Hanns Hatt, Professor für Zellphysiologie an der Ruhr- Universität Bochum und einer der führenden Duftforscher weltweit: "Wir müssen nur die Rezeptoren aufspüren, die in Gegenwart der Fettsäuren aktiv werden, um dann Duftstoffe zu finden, die genau diese Rezeptoren blockieren. Und dann ab mit ihnen ins Deo." Das ist allerdings leichter gesagt als getan – und kostspielig dazu. Um nur einen der 350 Rezeptoren zu entschlüsseln, benötigen die Wissenschaftler etwa ein halbes Jahr Arbeit und 25.000 Euro. Und selbst dann, wenn das Geld zur Verfügung stünde – für die Deohersteller bliebe es ein Glücksspiel mit ungewissem Ausgang.
(bsc)