Gott und Geige

Anlässlich der obligaten Medienrevolution von Apple: Eine kleine Geschichte des Radios - mit Anlauf in die Zukunft.

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Von
  • Peter Glaser

Ich mag das Radio, es hat viel von den Verheißungen des Internet. Es ist klein und handlich, drahtlos empfangsbereit, weltweit verbreitet und seine Nutzung ist jedem Menschen geläufig. Ein entscheidender Vorzug des digitalen Abrufradios ist sein chronokratischer Charakter, der uns erlaubt, frei über unsere Zeit zu verfügen. Ich kann mir meine Lieblingssendungen oder -produktionen anhören, wann es mir passt, starre Programmschemata spielen keine Rolle mehr. So gewinnen wir ein Stück Souveränität zurück.

Am 24. Dezember 1906 vernahmen Schiffsfunker vom Nordatlantik bis hinunter in die Karibik etwas in ihren Kopfhörern noch nie Gehörtes: Musik. Sie waren gewohnt, Morsesignale zu empfangen. An diesem Weihnachtstag wurde der kanadische Erfinder Reginald Fessenden von Brant Rock in Massachussetts aus mit einem Mikrophon und einem von ihm konstruierten Radiosender zum Urvater aller DJs. In der ersten Rundfunkübertragung der Welt spielte Fessenden Geige und las aus der Bibel.

Anfang 1920 gab es erst ein paar Radiostationen. Zwei Jahre später, nachdem "drahtlose Konzerte" das neue Medium rapid populär gemacht hatten, waren es bereits an die 600. Und das Radio überschritt Grenzen: geographische, ethnische, soziale. Es brachte Menschen in Kontakt mit Orten, Klängen und Lebensgefühlen, die sie sonst niemals kennengelernt hätten. Es waren goldene Radiojahre. 1935 führte die Sängerin Oum Kalsoum den ägyptischen Rundfunk ein, an jedem ersten Donnerstag im Monat schuf sie ein neues Lied. Politiker vermieden es, Donnerstags Ansprachen zu halten, Radio Kairo erhöhte seine Kapazitäten, und von Marokko bis zum Golf saß alles vor dem Radio.

Am 30. Oktober 1938, einem Sonntagabend, strahlte die Rundfunkgesellschaft CBS in Amerika das erste Science-Fiction-Hörspiel der Radiogeschichte aus: "Krieg der Welten" von H.G. Wells unter der Regie von Orson Welles. Die im Stil einer Live-Sendung gehaltene Reportage über die Landung kriegerischer Marsbewohner in New Jersey entfaltete eine frappierende Wirkung. Tausende Radiohörer flüchteten mit ihren Angehörigen in den folgenden Stunden vor den vermeintlich anrückenden Ausserirdischen.

1949 beobachtete ein gewisser Todd Storz Jugendliche dabei, wie sie an einer Jukebox immer wieder ihre Lieblingsschlager drückten. Wenn die Kids hören wollten, was populär war, dann sollten sie es haben – wieder und wieder: Storz, dem eine Radiostation in Nebraska gehörte, erfand die Hitparade. Werbetreibende liebten die Idee der "Top 40". Es gab keine Kontroversen, und nur die konsenstauglichsten Stücke konnten es in die Charts schaffen. Das Format war ein Gottesgeschenk für alle, die Sex, Rassenkampf und Rock'n'Roll für umstürzlerisches Zeug hielten.

In den großen Radiostationen der 50er und 60er Jahre wurde bereits am Drehbuch für das moderne Radio geschrieben: Jingles und dumme Sprüche, Promotions, Gewinnspiele und weichgespülte Musik, die jeden ansprechen und niemanden provozieren sollte. Heute werden Radioprogramme zunehmend "entwortet", Musikfarben uniformiert. "Formatradio" heißt das Zauberwort. Die Prämisse: "Durchhörbarkeit". Da Geschmack zu seiner Erfrischung immer Trendsetter braucht, erweist sich das Durchsenden vermeintlicher Massentauglichkeit aber als kontraproduktiv.

Als Apple 2001 den iPod und 2003 den iTunes Music Store auf den Markt brachte, öffneten sich der Radiowelt neue Türen in die Zukunft. 2005 kürte das "New Oxford American Dictionary" Podcast zum Wort des Jahres. Mal sehen, was jetzt passiert. Nicht gleich nachdem Steve Jobs das stark erwartete Tablett vorgestellt hat und es wieder ein bisschen so war wie damals, als Oum Kalsoum sang und kluge Politiker keine Reden hielten und alle zuhörten; nicht gleich in dieser Woche, aber dann in der nächsten Zeit.

Das Ende von etwas Altem ist meist auch der Anfang von etwas Neuem. Was das Radio und seine Seele, die Musik, angeht, sind Untergangsvisionen gewiss unangebracht. Die Probleme, jedenfalls fĂĽr die etablierten Sender, liegen eher in dem FĂĽllhorn an Vielfalt, die sich ĂĽber ein zunehmend interessiertes und teilnehmendes, aber auch zunehmend treuloses Publikum ergiesst. Was wir miterleben, ist kein Niedergang, sondern ein Ăśbergang. Das Radio (und natĂĽrlich nicht nur das Radio) transformiert sich. (bsc)