Das Allgegenwärtige in neuem Licht: Die Bilder der Woche (KW 22)
Mit neuen Perspektiven und Lichtspielen lässt sich Altbekanntes spannend inszenieren.
- Pia Parolin
Es ist immer wieder erfrischend, Dinge vor der eigenen Haustüre neu zu entdecken. Nicht jeder hat das Glück oder die Zeit, exotische Motive auf Fernreisen zu fotografieren. Ein Flussbett im Morgennebel, ein einsamer Baum im Umkreis oder eine Pusteblume im Park eignen sich dazu hervorragend. Auch urbane Landschaften, ein Radfahrer, eine Häuserfront, ein Blick zu Wolkenkratzern, oder farbige Flächen vor dem blauen Himmel können, wenn spannend in Szene gesetzt, den Blick fesseln.
Morgens an der Saar
Das Bild am Samstag „Morgens an der Saar“ entführt uns in eine mysteriöse Landschaft. Der Nebelschleier über dem Flusstal wird von der Seite beleuchtet und schafft eine märchenhafte Atmosphäre. Einzelne Bäume ragen aus den Nebelschwaden heraus und lassen den Wald wie eine schwebende Insel aus einem Fantasyfilm erscheinen.
Mein Freund der Baum
Mit „Mein Freund, der Baum“ präsentiert uns Galeriefotograf Otto Hitzegrad ebenfalls eine Traumwelt. Ein kahler Baum hebt sich vor einem wolkenbeladenen Himmel ab. Die Farbpalette besticht durch ihre Dramatik und erinnert an Gemälde der Romantik.
Der Fotograf (Instagram: ottohitzegrad) schreibt zu seinem Foto: „Ich bin gerne in den frühen Morgenstunden mit dem Fahrrad auf Motivsuche. In den Randgebieten von Bremen gibt es viel Natur. Der weite Blick ist für mich wichtig, damit auch der Himmel zur Geltung kommt. Gerade morgens kommen oft Nebelschwaden dazu, die das Foto ungemein beleben. Da ich ein "Stativmuffel" bin, nehme ich gerne den Fahrradsattel zum Abstützen der Kamera und kann mit relativ langen Belichtungszeiten, hier 1/10 Sek. arbeiten (Zoom 28-300 mm, 34 mm, f5, ISO 1000).
Durch die Pusteblume
Der gemeine Löwenzahn ist eine der häufigsten Pflanzenarten in unseren Breiten und das Motiv am Montag. Die daraus entstehende Pusteblume wurde schon tausendfach fotografiert. Doch die Natur bietet immer wieder wunderbare Motive, wenn das Spiel mit Licht und Schatten kreativ genutzt wird.
Galeriefotograf Tido van Hove (Instagram: tido_vh) beschreibt es so: „Das Bild ist auf einem Fotospaziergang am Abend entstanden, wobei die Pusteblume als Motiv eher spontan vor die Linse kam. Durch die Gegebenheiten des Geländes konnte ich die Pusteblume relativ freistehend in Richtung untergehende Sonne ablichten und das Innere der Blume vor die Sonne platzieren. Zum Glück war die Pusteblume auch noch fast vollständig erhalten. Das Bild besteht aus acht ausgewählten Einzelbildern einer Fokusbelichtungsreihe. Die Bilder im Raw-Format wurden dann später mit Affinity Photo entwickelt und als Fokuskombination zusammengesetzt. Die Aufnahme wurde mit einer Olympus OM-D EM1 Mk3 und dem Olympus 60mm / f2,8 Makro Objektiv erstellt (Aufnahmedaten: 1/4000 s, f8 und ISO 800).
Der Radfahrer
Bei unserer Bildauswahl am Dienstag steht das urbane Element im Vordergrund. Der Radfahrer zwischen den Säulen ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man den Blick schärfen kann für das, was um uns herum passiert, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit. Hier ist mehr zu sehen als ein Radfahrer und runde Säulen. Durch die vielen Linien und das zusätzliche Spiel mit Licht und Schatten entsteht eine ansprechende Komposition.
Nils Schulte-Jokiel (Instagram: nils___photography) hat das Foto aufgenommen und schreibt dazu: „Das Bild entstand am ‚Säulengarten‘ der Sächsischen Aufbaubank in Leipzig. Wie so oft in der Street Fotografie war für die Aufnahme viel Geduld notwendig. Zunächst betrifft das die Suche nach der geeigneten Kulisse und der Perspektive für den Rahmen und ‚der Bühne‘ für die Aufnahme. Anschließend wartete ich auf einen Akteur, den Radfahrer, der diese Bühne vervollständigt. Da dieser genau in dem schmalen Spalt zwischen den Säulen und der Spiegelung im Wasser zu sehen sein sollte, war hierbei exaktes Timing und auch etwas Glück notwendig.“
Umschwung
Das Mittwoch-Foto zeigt ein ganz normales Wohnhaus, aber mit welcher Dramatik! Reiner Weber hat das Licht kurz vor einem Gewitter genutzt, um aus einem alltäglichen Gegenstand durch eine interessante 1/3-2/3-Komposition ein spannendes Bild zu machen.
Er schreibt dazu: „Die Situation zeigt einen gewaltigen Wetterumschwung, was kaum zu übersehen ist. Eitel Sonnenschein wurde abgelöst durch bedrohlich heranwalzendes Gewölk, und in dem kurzen Moment zwischen den letzten Sonnenstrahlen und dem düsteren Regenguss ergab sich diese Sicht auf das gegenüberliegende Haus, wobei die Mattscheibe des Balkons noch ein reizvolles Detail aufbot. Die Plattendämmung der Hausfassade mit ihrem nüchternen Grafikstil bildet zudem einen reizvollen Widerspruch zum opulent heranrollenden Naturereignis.“
Silent Buildings No 8
Auch am Donnerstag bleibt es urban: Ein Blick aus der Hochhausschlucht nach oben zeigt die vorbeiziehenden Wolken. Mario Meßer hat das Bild in Frankfurt aufgenommen. Durch die Fluchtlinien entsteht eine faszinierende Perspektive.
Der Fotograf schreibt dazu: „Da Frankfurt City aus einigen Bürotürmen besteht, war die Idee, dieses Szenario mit einem Blick nach oben zu untermauern. Die Verwendung des ND1000 Filters kombiniert hier die Hektik in den Gebäuden der Bankenmetropole mit der Entschleunigung der wie in Zeitlupe vorbeiziehenden Wolken. Durch die Entsättigung der Farben verstärkt sich der surreale Eindruck.“
Der Blitzableiter
Das letzte Bild der Woche ist ebenfalls urban und ein Spiel mit dem Alltäglichen aus ungewöhnlicher Perspektive. Es ist eine Farbkomposition im quadratischen Format, die zunächst an ein surrealistisches Gemälde von Joan Miró erinnert. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, was dem Bild seinen Namen gibt: einen Blitzableiter. Der Witz des Titels liegt darin, dass das technische Gerät eher nebensächlich, vielleicht sogar störend wirkt. Eine gelungene Komposition verschiedener Elemente in den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau - das Grafische ist minimalistisch dargestellt. Es funktioniert, weil es einen Ausschnitt aus dem „großen Ganzen“ hervorhebt.
Videos by heise
Alle Bilder dieser Woche zeigen die Möglichkeiten, Details unseres Alltags genauer zu betrachten. Das Alltägliche in ein neues Licht zu rücken, ist den sieben Fotografen dieser Woche sehr gut gelungen. Sie regen dazu an, selbst zur Kamera zu greifen und einen neuen Blick auf Gewohntes zu werfen.
Sie finden alle Bilder der Woche in unserer Galerie im Überblick.
Die Bilder der Woche (KW 22) (7 Bilder)

(vat)