Mehr Stimmen, weniger Rauschen
Die Debatte Blogger vs. Journalisten geht am Thema vorbei. Die Plattform "Global Voices" zeigt, wie beides zusammenkommt, und ist dabei sogar der Zeit voraus.
- Niels Boeing
Im letzten Jahr ist hierzulande angesichts der Krise der etablierten Medien wieder die Debatte "Blogger vs. Journalisten" hochgekocht. Hat der "alte" Journalismus ausgedient? Sind Blogger die neuen, besseren Journalisten? Können Journalisten überhaupt bloggen? Oder begreifen sie Blogs im Grunde nicht?
Ich habe der Debatte nicht viel abgewinnen können. Denn im Grunde wurde hier nur über Geschäftsmodelle diskutiert, versteckt hinter Spitzfindigkeiten über Blog-Formalien. Dass Blogs einfach nur eine weitere mediale Form sind, um auch guten Journalismus zu betreiben, ging in dem Geraune und Genöle unter.
Ein bislang wenig bekanntes Beispiel, in dem beides zusammenkommt – das Blog-Format und das journalistische Handwerk – ist für mich Global Voices. Mehr noch: Es kommt einem "Bürgerjournalismus" unter den Vorzeichen der Globalisierung schon sehr nahe.
Die Plattform wurde vor fünf Jahren von der CNN-Korrespondentin Rebecca MacKinnon und dem Online-Aktivisten Ethan Zuckerman gegründet. Auf ihr veröffentlichen heute 200 "Blogger-Redakteure", die selbst eigene Blogs betreiben, regelmäßige Übersichten, was Blogs eines Landes oder zu einem bestimmten Thema veröffentlichen.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem "globalen Süden", also jenen Ländern, die in der Prioritätenliste der etablierten Medien meist unter "ferner liefen" stehen. Das ist nicht die Schuld der vielen hervorragenden Korrespondenten unserer Medien, sondern von deren interner Agenda, die oft genug noch aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zu stammen scheint, als es irrelevant war, was zum Beispiel in Äthiopien oder Haiti passiert. Ohne das Erdbeben hätten wir in diesem Jahr vermutlich noch nichts über Haiti gelesen.
Dies ist ein originärer Blogging-Ansatz: den anderen, die sonst nicht zu Wort kommen, Gehör zu verschaffen. Daneben, und das ist das spannende, gibt es aber auch einen Journalistischen, den ich kürzlich von Solana Larsen, Managing Editor der Plattform, geschildert bekam. Denn Global Voices hat sowohl redaktionelle Leitlinien als auch ein Team von "Schlussredakteuren", die die täglichen Einträge checken. Die 200 Blogger-Redakteure sollen möglichst ausgewogen und sachlich berichten, was in ihrem Themenkanal geschrieben wird. Zwischen Kommentar und Bericht wird also unterschieden, nicht anders als in einer guten Zeitung. So kann es also auch vorkommen, dass Postings zurückgegeben werden oder im schlimmsten Fall ein Blogger-Redakteur seinen Hut nehmen muss.
Was Global Voices außerdem zu einem Modell für einen Journalismus in Zeiten der Globalisierung macht, ist ein Pool von Übersetzern, die die Beiträge der Blogger-Redakteure – je nach Kapazität – in etliche andere Sprachen übersetzen. Ein Beitrag kann so zugleich auf Englisch, Spanisch, Deutsch, Indonesisch, Arabisch oder Swahili erscheinen. Da kommt allenfalls die BBC heran.
Und das Geschäftsmodell? Gibt es in gewissem Sinne nicht. Global Voices ist als Stiftung in den Niederlanden registriert und wird über Fördergelder und Spenden finanziert. Unter den Sponsoren ist mit Reuters übrigens auch eine "klassische" Nachrichtenagentur. Diese Finanzierung lässt sich zwar nicht beliebig oft nachmachen, aber so kann es funktionieren.
Ich will Blogs als Medium für persönliche Befindlichkeiten, Freundeskreise, Polemik oder Entertainment nicht missen. Aber mit Journalismus hat das nur am Rande zu tun. Dessen klassische Aufgabe ist immer noch, sachlich zu berichten, was vor sich geht und warum etwas vor sich geht. Diese Aufgabe ist durch Blogs nicht obsolet geworden. Wenn die dazu beitragen können, umso besser. Mehr global voices, weniger Rauschen.
(nbo)