Die schöne neue Welt der MobiloTopia
Künstler und Forscher schwanken zwischen Bewunderung für die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten mobiler Technologien und der Furcht vor ihrem immensen Überwachungspotenzial.
Künstler und Forscher schwanken zwischen Bewunderung für die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten mobiler Technologien und der Furcht vor ihrem immensen Überwachungspotenzial. Die Formen des Wandels, der mit der Verknüpfung zahlreicher Einzeltechniken und Gadgets wie GPS, GPRS, WLAN, Handhelds, Smartphones, Metadaten, RFID-Tags oder Geo-Blogs entsteht, testen sie momentan noch weitgehend spielerisch unter dem Sammelbegriff Locative Media aus. Darunter verstehen sie die Anwendung digitaler Medien auf die soziale Interaktion und auf reale Örtlichkeiten. Einen ersten Überblick über die künftige MobiloTopia gaben deren Theoretiker und Wegbereiter auf der transmediale im Haus der Kulturen der Welt am Montagabend in Berlin, die sich allgemein der Neuentdeckung der Utopie verschrieben hat.
Ein wenig provokant gewährte Ben Russel, Mitgründer des Locative Media Lab und Autor in London, einen Ausblick auf die von ortssensitiven Medien geprägte Gesellschaft: "Eine digitale Generation mit dem Erbe viel vermögender Daumen, Bildschirm-geformter Augen und statischen Maschinen geht blinzelnd einen Schritt zurück in die Welt, hinein in einen neue Beziehung zum Raum und in neue sozialen Begegnungen." Sie verlässt den großen Screen auf dem Schreibtisch und lässt sich von ihren orts- und kontextbezogenen mobilen Gerätschaften (ver-)führen. Der Weg wird dabei zum Ziel, wenn die Ankunftspunkte immer schon genau kartographiert und vom Handrechner vorgegeben sind.
Einige praktische Anwendungen hat sich Russel bereits ausgedacht. Mit lokativen Medien könnte man etwa die Haushaltsbestände benachbarter Wohngemeinschaften oder ganzer Straßenzüge zunächst mit Hilfe der RFID-Markierungstechnik inventarisieren, in einem zweiten Schritt Schnittstellen für die beteiligten Bürger zu dem Datenbanksystem einrichten und so ganz neue Tauschnetze auch nicht-digitaler Güter in Schwung bringen. Das Ganze sei mit sozialen Netzwerkverzeichnissen zu verfeinern, mit viralen Diensten, wie sie Plattformen wie Friendster in den USA oder OpenBC und my friends in Deutschland bieten. Diese zeichnen die Verbindungen zwischen den angeschlossenen Menschen auf und dienen so als Aggregator für die "Hyperlinks" in realen und virtuellen Gemeinschaften. Der Phantasie sind beim Ausbau solcher Systeme kaum Grenzen gesetzt. So können sie mit einer neuen Generation "sozialer" tragbarer Computer, wie sie das kanadische Projekt Whisper etwa unter Einbeziehung des Pulsschlags des Nutzers testet, oder mit Webcams gekoppelt werden. Lokale Abstimmungssysteme oder "Parkbank-TV" sind laut Russel bald Realität.
Ein wesentlicher Bestandteil der lokativen Medien ist die kollaborative Verortung der Nutzer. Mit Hilfe von Werkzeugen wie Headmap, GPSter oder Blogmapper hinterlassen die Pioniere der neuen Übersichtlichkeit ihr Geograffiti und versehen Örtlichkeiten in Online-Übersichtskarten mit ihren persönlichen Notizen. Der "ortlose" Cyberspace wird relokalisiert. Ein praktisches Problem baut sich vor den Künstlertechnologen aber häufig auf: "Die Kartierungsdaten befinden sich meist in den Händen der Netzbetreiber", erklärt Russel. Experimente wie Amsterdam Realtime der Waag Society, in dem Freiwillige ihre Bewegungen durch die Stadt mit GPS-Geräten aufzeichneten und in einen Zentralrechner einspeisten, würden daher in die richtige Richtung weisen. Generell komme es bei allen diesen Projekten darauf an, "dass der Nutzer Zugang zu den ortsbezogenen Informationen hat".
Aber auch, wenn die Anwender ihre Daten selbst in der Hand haben, ist die Grenze zur Überwachungsgesellschaft bei lokativen Medien immer fließend. "Es schwingt immer die Fantasie der totalen Kontrolle mit", philosophiert Drew Hemment, Gründer des Futuresonic-Festivals in Manchester, das sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig den "Mobile Connections" widmen wird. Überwachung könnte mit dem Handy als Werkzeug der Macht endgültig zu einem Produkt und zur Unterhaltungsform werden. Schon heute sei die Erstellung von Konsumentenprofilen der Schwerpunkt bei den Location Based Services der Netzbetreiber. Durchaus gebe es bei vielen Menschen auch eine gewisse Faszination daran, immer ortbar zu sein und die Wanderungen anderer durch die Welt zu verfolgen.
Hemment hofft trotzdem, dass sich das "emanzipative Potenzial" der bislang noch viele Ungenauigkeiten und Brüche aufweisenden lokativen Medien durchsetzt. Für ihn öffnen diese vor allem einen Raum für verstärkte soziale Interaktion, die sich auch in künftigen Formen des politischen Widerstands niederschlagen kann. Echte Beispiele dafür gibt es bislang aber nicht, denn die berüchtigten Flash Mobs entpuppten sich vorläufig als Sommer-Modetrend ohne politische Bedeutung. Doch gerade aus dem Paradox von Überwachbarkeit und Mobilisierbarkeit, ist sich Hemment sicher, "werden viele kreative Anwendungsformen erwachsen". (Stefan Krempl) / (jk)