Formel 1 in Zandvoort: Zwischen Rennsport, Patriotismus und Party
Der Große Preis der Formel 1 in Zandvoort wirft eine zentrale Frage auf: Wer oder was ist hier eigentlich das Produkt? Ein Einsteigerbericht.
(Bild: Martin Loschwitz)
- Martin Gerhard Loschwitz
Es gab Zeiten in Deutschland, da saß gefühlt die halbe Nation vor dem Fernseher, wenn Michael Schumacher, Mika Häkkinen & Co. in der Formel 1 um den Weltmeistertitel kämpften. Mittlerweile aber hat die hiesige Euphorie um die selbsternannte Königsklasse des Motorsports stark nachgelassen. RTL, einst Free-TV-Platzhirsch in Sachen Formel-1-Übertragung, zeigt 2023 etwa kein einziges Rennen. Die lapidare Begründung: Mangelndes Interesse. Da passt es ins Bild, dass Deutschland auch nicht mehr ständiger Teil des Rennkalenders ist. Das letzte reguläre Rennen auf dem Nürburgring etwa fand 2013 statt; 2020 kam die "Grüne Hölle" dann Corona-bedingt nochmal als Notlösung zum Handkuss. 2019 gab der Rennzirkus sich in Hockenheim das letzte reguläre Stelldichein. Seither verirren sich F1-Boliden nur noch für Testfahren in die Eifel.
Andernorts ist das anders. Der große Preis von Zandvoort in den Niederlanden etwa ist ein riesiges Spektakel, das 2023 deutlich über 300.000 Zuschauer an die Rennstrecke lockte. Durch Zufall hatte ich die Möglichkeit, an der Veranstaltung teilzunehmen. Weil Zandvoort bloß gute 200 km von meinem aktuellen Wohnsitz entfernt ist, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe. Zwar bin ich kein glühender Fan des Motorsports. Doch interessiert mich Technik und automobile Technik, und im Hinblick auf diese beiden Aspekte - Engineering und fahrerisches Können - reichen nur wenige Rennsportveranstaltungen an die Formel 1 heran.
Grundsätzliches
Soviel gleich vorab: Mir geht es hier nicht darum, die Sinnhaftigkeit oder auch die Sinnlosigkeit des Rennsports im Allgemeinen zu diskutieren. Wer in Zeiten des Klimawandels kritisiert, dass 22 Fahrzeuge mit teils deutlich über 300 km/h mehr oder weniger nutzlos im Kreis herumfahren, trifft zweifelsohne einen wunden Punkt. Zwar hat die FIA der Formel 1 bis 2030 Klimaneutralität verordnet, so wie es beinahe jede Organisation und jedes Unternehmen heute zu irgendeinem selbst definierten Zeitpunkt tut. Trotzdem wird sich kaum sinnvoll argumentieren lassen, dass Unmengen an Fracht kreuz und quer über den Erdball geflogen werden, um dort auf abwechselnden Rennstrecken einen Leistungsvergleich zu betreiben. Ohnehin war die Formel 1 für ihre Betreiber stets vor allem ein Marketingwerkzeug. Wer leistungsstarke Fahrzeuge auf die Rennstrecke bringt und damit die Konkurrenz dominiert, dem traut man auch bei Serienfahrzeugen eher Bestleistungen zu, so das Kalkül. Auf die Spitze treibt dieses Prinzip mittlerweile groteskerweise Red Bull, das durch die Verbreitung der eigenen Marke zwar keine KFZ-Verkäufe ankurbelt, dafür aber die Verkäufe von in Dosen abgefülltem Zuckerwasser.
(Bild: Martin Loschwitz)
Fans der Marke Formel 1 erwidern, dass gerade diese eine unvergleichliche Atmosphäre bietet, die höchsten Anforderungen an Menschen, Material und die Konten der Teambesitzer stellt und schon als höchste Klasse des Rennsports eine Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus hat. Sogar der Drang des Menschen, sich mit anderen zu vergleichen und dabei die oder der Beste sein zu wollen, kommt als Argument regelmäßig zum Einsatz. Auch diese Sichtweise ist nicht ganz von der Hand zu weisen. In Summe aber stehen sich Befürworter und Kritiker in Sachen Motorsport regelmäßig völlig unversöhnlich gegenüber. Dieser Artikel wird das nicht ändern -- und will das auch nicht. Er ist stattdessen ein Erfahrungsbericht gespickt mit persönlichen Eindrücken der Formel 1 im Jahre 2023.
Motorsport
Die Rennstrecke in Zandvoort liegt direkt an der Nordsee innerhalb einer Dünenlandschaft und bietet neben dem eigentlichen Rennspektakel insofern auch eine wunderschöne Aussicht. Die Nähe zum Meer bringt allerdings auch ein einigermaßen unvorhersehbares Wetter mit sich, wie die Fans am letzten Wochenende leidvoll erfuhren: Auf heftige Regenergüsse folgten kurze Sonnenphasen, die nahtlos in neuen Starkregen übergingen. Weite Teile der Tribünen sind nicht überdacht, sodass die allermeisten Fans buchstäblich nass bis auf die Knochen geworden sein dürften.
(Bild: Martin Loschwitz)
Fans des Motorsports macht das freilich kaum etwas aus. Schließlich zwingt Regen während der Qualifikation und noch stärker während des Rennens die Rennställe dazu, ihre Taktiken kurzfristig zu ändern und etwa mit anderen Reifen zu planen. Das katapultiert aber auch unmittelbar ins Thema, denn nach wenigen Stunden am Ring überkommt einen das unangenehme Gefühl, es hier mit echten Motorsportfans nur sehr bedingt zu tun zu haben. Ein etwas genauerer Blick lohnt durchaus.
Traditionell spricht die Formel 1 ihr Zielpublikum über drei Themengebiete an. Das dominierende Gebiet dabei war stets die Technik. Man richtete sich im Kern also an Rennsportenthusiasten, die sich im Detail mit der genutzten Technik der Fahrzeuge befassten, auf Details wie Aerodynamik und die Form des Unterbodens der Boliden achteten und ein großes Interesse an den Strategien der Rennställe hatten -- und daran, wie diese Strategie sich während eines Rennens ändern musste. Das Problem: Viele dieser Faktoren hat die FIA mittlerweile durch ein verändertes Reglement eliminiert. Früher war es etwa üblich, dass die Teams mit der Menge des mitgeführten Kraftstoffs spekulierten, auf Zwei- oder Drei-Stopp-Strategien setzten, verschiedene Reifen nutzten und auch die Unterschiede bei den Reifen zwischen verschiedenen Herstellern eine Rolle spielten.
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Wenig Spielraum
Hinzu kam, dass es für die Fahrzeuge per se deutlich weniger Vorgaben seitens der FIA gab, sodass ein Team einem Fahrer seinen Boliden buchstäblich auf den Leib entwickeln konnte. Unvergessen sind etwa die Kommentare früherer Ferrari-Testfahrer, die den diversen Ferrari-Weltmeister-Autos von Michael Schumacher attestierten, diese seien für jeden anderen als Michael Schumacher schlicht unfahrbar. Aus und vorbei: Einheitsreifen desselben Herstellers sind für alle Teams längst vorgeschrieben. Die FIA macht klare Vorgaben bzgl. der Bauweise der Fahrzeuge, die wenig Spielraum für individuelle Details lassen.
Auch die strategische Bedeutung von Boxenstopps hat stark nachgelassen, seit die Fahrzeuge nicht mehr während des Rennens betankt werden dürfen. Ein Boxenstopp dauert heute im Schnitt 2,5 Sekunden, weil "bloß" die Reifen gewechselt werden. Das soll freilich nicht heißen, dass technische Fähigkeiten von Fahrern und Teams heute gar keine Rolle mehr spielen. Durch die immer weiter herbeigeführte Standardisierung ist dieser Faktor heute aber längst nicht mehr so ausgeprägt, wie es einst der Fall war. Viele Motorsportfans haben der Formel 1 deshalb bereits vor Jahren enttäuscht den Rücken gekehrt.
Schlecht zu erreichen
Hinzu kommt spezifisch in Zandvoort, dass gerade die "alten Hasen" unter den Fans es hier auch gar nicht so leicht haben, es überhaupt bis zur Rennstrecke zu schaffen. Zandvoort ist eine kleine Gemeinde, die unmöglich mit Tausenden von Besucherautos zurechtkäme, fielen diese am Rennwochenende gesammelt an der Nordseeküste ein. Am gesamten Rennwochenende ist Zandvoort für Autos von außerhalb deshalb praktisch abgeriegelt. Stattdessen kommen Shuttlebusse und Züge zum Einsatz, teils öffentlich, teils privat. Doof nur: Wer nicht gut zu Fuß ist, kann diese kaum sinnvoll nutzen. Selbst von der offiziellen Station an der Rennstrecke (Gate 1) ist es bis zu einem Sitzplatz auf der Haupttribüne nochmal ein knapper Kilometer. Der einzige Zugangsweg ist dabei eine steil abfallende (und am Rückweg steil steigende) Straße, die man vielleicht noch hinunter kommt, aber kaum wieder hoch, wenn man schlecht zu Fuß unterwegs ist.