MWC: Content ist wieder der König
Für die Mobilfunkindustrie werden Kooperationen mit Inhalteanbietern immer wichtiger. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Branchen war allerdings nicht immer spannungsfrei. Doch beide Seiten betonen ihre Bereitschaft, gemeinsame Wege zu gehen.
Content is King. Die alte Weisheit aus den wirren Zeiten der New Economy feiert rund zehn Jahre später ein Comeback. Für die globale Mobilfunkbranche, die sich derzeit auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona trifft, spielen multimediale Inhalte eine wichtige Rolle. Vor allem die Netzbetreiber wollen sich nicht mit der Rolle des Infrastrukturanbieters bescheiden, sondern ihr Stück vom Kuchen abhaben. Die Zusammenarbeit mit der Medienbranche ist dabei nicht immer ganz reibungsfrei: Mit Telcos und Medien prallen zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander.
Vorbehalte gibt es auf beiden Seiten. Die gelte es zu überwinden, meinte Nick Rhodes am Mittwoch vor Branchenvertretern in Barcelona. Gerade im Mobilbereich sieht der Musiker (Duran Duran) große Chancen. "Im Mobilfunk ist das potenzielle Publikum inzwischen größer als im Internet." Außer einem Flirt mit Klingeltönen hätten viele Künstler diese Chance bisher nicht konsequent genutzt. Doch wollten sie nicht einfach ihre Musik abliefern, sondern mitgestalten und neue Wege gemeinsam mit der Mobilfunkbranche beschreiten. Rhodes riet den Telcos zum Experiment: "Habt keine Angst, etwas auszuprobieren."
Die beiden Welten nähern sich an. Bei Netzbetreibern und Geräteherstellern hört man von einem entspannter werdenden Verhältnis zu den Inhalteanbietern. Und die Content-Branche rückt das mobile Internet immer mehr ins Zentrum ihrer Online-Aktivitäten. Etwa die BBC: Die britische Rundfunk-Ikone wolle ihren Online-Dienst "auf jedes mittels IP vernetzte Gerät" bringen, verdeutlichte Erik Huggers, Direktor bei BBC Future Media & Technology. Das Internet sei neben Radio und Fernsehen die dritte, gleichberechtigte Plattform für die BBC. Auf dem MWC kündigte er eine kostenlose iPhone-App der BBC News an; Apps für weitere Systeme sollen folgen, Huggers nannte zunächst Blackberry und Android.
An die Mobilfunkbranche richtete der BBC-Mann den Appell, gemeinsam an Standards für den Inhaltevertrieb zu arbeiten – insbesondere für Apps und Rich Media. Huggers will einen intensiveren Dialog über Themen wie Video-Wiedergabe in den Netzen. Die BBC habe ein Verfahren entwickelt, mit dem HD-Filmchen (720p) schon bei 2,8 MBit/s gestreamt werden könnten, während derselbe Film mit h.264-Codec mindestens 3,6 MBit/s brauche. "Reden wir über Technik, über Regeln, über was Sie wollen."
Auch die sozialen Netzwerke drängen mit Macht ins mobile Internet. In Barcelona sieht man kein Betriebssystem, kein Smartphone, das seinen Nutzer nicht mit Facebook oder anderen Diensten in Verbindung hält. Auch der Musikdienst Spotify will aufs Handy. Seine sieben Millionen Nutzer verwalten 100 Millionen Playlists auf der Plattform, erklärte Gründer Daniel Ek auf dem MWC. Jeder der Nutzer habe im Schnitt 15.000 Songs in seiner Sammlung. Diese auf das Smartphone zu bringen, sei eine Herausforderung. Spotify spricht mit der Branche über Kooperationsmodelle; so gibt es den Dienst etwa in Großbritannien beim Netzbetreiber "3".
Dass das mobile Internet nicht zwingend das letzte Glied in der Verwertungskette der Medienunternehmen sein muss, zeigt ein Blick nach Indien. Mit 120 Millionen Kunden ist Bharti Airtel nach eigenen Angaben der nach Kundenzahlen drittgrößte Netzbetreiber der Welt. Für den größten Mobilfunkanbieter Indiens sind Kooperationen mit der Medienbranche ein zentrales Instrument, um Kunden zu gewinnen und zu binden. Airtel könne seinen Kunden so etwa Content zu Bollywood-Produktionen anbieten, bevor die Filme im Kino anliefen, sagte der stellvertretende CEO Sanjay Kapoor. (vbr)