Lob des Hypes
- JĂĽrgen Seeger
Gerade in der IT-Branche sind Messen wie die CeBIT nicht mehr der Jahrmarkt der Neuigkeiten. Der findet im Internet statt und ist ganzjährig rund um die Uhr geöffnet. Dennoch bietet die CeBIT eine gute Gelegenheit, einmal im Jahr zu sehen, was die Firmen für so wichtig halten, dass für dessen Präsentation nicht unbeträchtliche Geldsummen ausgegeben werden.
Hat da jemand „Hype-Theater“ gerufen? Stimmt. Macht aber auch nichts. Denn: Hype muss sein, öffentliche Aufmerksamkeit ist ein (!) Indikator für die Zukunftsaussichten einer Technik. Schon 1995 dachte sich die heutige Vizepräsidentin der Gartner-Forschung, Jackie Fenn, den Hype Cycle aus, um die Einführung von Microsoft-Produkten zu beschreiben. Das Prinzip ist einfach: Auf der x-Achse wird die Zeit aufgetragen, auf der y-Achse die Aufmerksamkeit. Eine neue Technik startet mit einer starken Schwingung nach oben, fällt abrupt ab und steigt dann auf ein gleichbleibendes Niveau. Die einzelnen Abschnitte der Kurve hat Fenn mit kreativen Begriffen belegt: Nach dem Start durch den „Technology Trigger“ (Nullpunkt) geht es aufwärts zum „Peak of Inflated Expectations“, hinunter in die „Trough of Disillusionment“, woraus dann der „Slope of Enlightenment“ auf das – mehr oder wenige hohe – „Plateau of Productivity“ führt.
Wieder eingefallen ist mir Gartners Hype Cycle, als ich für dieses Heft die Geschichte über den gegenwärtigen Stand von Second Life las (S. 64). Diese virtuelle Welt der Firma Linden Lab war 2007 in den Medien nahezu omnipräsent, um anschließend in der Versenkung zu verschwinden. Was die breite Nicht-Fachöffentlichkeit angeht, ist Second Life auch nie aus dem „Tal der Enttäuschungen“ herausgekommen. Doch abseits aller öffentlichen Aufmerksamkeit wird dieses System von einem kleinen Kreis von Interessenten regelmäßig genutzt. Ob das jetzt schon dem „Plateau der Produktivität“ entspricht oder noch zum „Pfad der Erleuchtung“ zählt, sei einmal dahingestellt. Aber auf jeden Fall ist diese Technik nicht einfach vom Markt verschwunden.
Gartner hat aus diesem Hype Cycle einen andauernden PR-Erfolg gestrickt. Die Analysten geben diesen jährlich heraus und bilden darauf 1650 Verfahren ab, nebst deren Abstand in Jahren zur Mainstream-Adaption. Wenig verwunderlich, fehlt bei den Untersuchungsgegenständen der Hype Cycle selbst.
Man muss das nicht ernster nehmen, als Gartners Analysten (wahrscheinlich) selbst. Aber es ist ausgesprochen unterhaltsam, etwa bei einem Messerundgang zu versuchen, die angepriesenen „Lösungen“ auf dem Hype Cycle unterzubringen.
Und wenn das nicht klappt, kann man Produkte und Firmen im magischen Innovationsquadranten einordnen. Es führt jetzt zu weit, das im Detail zu erläutern. Nur so viel: Oben rechts ist besser als unten links. (nti)