Die Schafe von der Wiese holen

Nicht Wissensmanagement ist das Gebot unserer hochgetakteten Welt, sondern Nichtwissensmanagement.

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Von
  • Niels Boeing

"Wissensmanagement", das Fokus-Thema in der März-Ausgabe von Technology Review, ist eines dieser blubbrigen Schlagwörter, an denen es in der Gegenwart wahrlich nicht mangelt. Philosophen zucken regelmäßig zusammen, wenn sie den Begriff hören: Wissen kann man nicht managen, wenden sie ein, höchstens Information.

Denn Wissen ist immer an denjenigen gebunden, der weiß. Alles, was er über sein Wissen mitteilen kann, ist Information. Wenn ich mir die zueigen mache, gewinne ich vielleicht Wissen. Aber es ist eben nicht Wissen, sondern Information, die ausgetauscht wird.

So berechtigt dieser Einwand ist, geht er an einem grundsätzlichen Problem genauso vorbei wie die Vorstellung, Wissen könne gemanaget werden. Dieses Problem ist unser Nichtwissen.

Denn natürlich nimmt die Summe individuellen Wissens in den Köpfen rasant zu, um nicht zu sagen, sie explodiert. Und mit ihr auch die Menge an Information, die diesem Wissen entspringt und zirkuliert. Im vergangenen Jahr waren es nach Schätzungen von Cisco monatlich 15 Exabyte, die im Internet bewegt wurden – oder 15 Milliarden Gigabyte, um in einer uns vertrauteren Größenordnung zu bleiben. 2013 könnte diese Menge laut Cisco auf 55 Exabyte monatlich steigen.

Nun kann man zwar den Gehalt von individuellem Wissen nicht auf irgendwelche konkreten Byte-Mengen festnageln, und ein guter Teil dieser Exabyte darf als Rauschen verbucht werden. Aber die Zahlen versinnbildlichen, dass das Verhältnis unseres jeweils persönlichen Wissens zum "Weltwissen" abnimmt.

Solange wir uns nur daran belustigen wie in absurden Quizshows, ist das nicht weiter schlimm. Aber in unserem hochgetakteten Wirtschaftssystem müssen wir, ob als Produzent, Konsument oder politische Bürger, permanent Entscheidungen treffen, für die wir besser Bescheid wüssten – es aber oft genug nicht tun. Dann wird unser Nichtwissen zum Problem. Der Produzent wüsste gern, wie er der Konkurrenz einen Schritt voraus sein kann. Der Konsument weiß nicht, was wirklich in einem Produkt drinsteckt und unter welchen Umständen es hergestellt wird. Und der Bürger weiß längst nicht mehr, wie es um das Gemeinwesen bestellt ist.

Statt Wissensmanagement müsste es also eigentlich um "Nichtwissensmanagement", wie es der Schweizer Philosoph Walther Christoph Zimmerli genannt hat, gehen. Zimmerli beklagte in einem Interview, das ich mit ihm vor zehn Jahren geführt habe, dass man das in der Schule und an der Universität kaum lerne.

Das ist nicht die einzige Krux: Je wichtiger Wissen als Wettbewerbsvorteil wird – oder mit Francis Bacon gesprochen, als "Macht"-Faktor – und je mehr versucht wird, Information zur Ware zu machen, desto größer ist die Versuchung, beides abzuschotten. Das Nichtwissen des Einzelnen also zu zementieren, auf dass die Schafe weitergrasen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen drei Entwicklungen der nuller Jahre ihre eigentliche Bedeutung: Die Freie-Software/Open-Source-Bewegung, die Bemühungen um Open Access zu wissenschaftlicher Erkenntnis und die Kultur des "Wissen-Teilens" im Web 2.0 sind allesamt Versuche, ein gesellschaftliches Nichtwissensmanagement aufzubauen. In unseren zunehmend privatisierten Bildungseinrichtungen steht es ja noch immer nicht hoch im Kurs.

Nichtwissen können wir uns immer weniger leisten, wenn wir nicht so nicht-nachhaltig weiterwursteln wollen. Vielleicht ist das mal wieder zu idealistisch gedacht. Aber für mich ist Kants Gebot: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" so aktuell wie vor 200 Jahren. Man könnte die neue Phase "Aufklärung 2.0" nennen – aber wir wollen den zahllosen Buzzwords nicht noch ein neues hinzufügen.


Mehr zu aktuellen Trends beim Wissensmanagement gibt es in der Ausgabe 3/2010 von Technology Review. Sie kann ab heute portokostenfrei hier bestellt werden und ist ab morgen, den 25.2. im Zeitschriftenhandel. (nbo)