Angriff der Androiden

Das iPad von Apple ist nicht der einzige Tablet PC mit Multitouch-Oberfläche: Eine Reihe von Herstellern will in den kommenden Monaten Geräte mit dem Mobilbetriebssystem von Google herausbringen – und einigen Extras, die dem iPad bislang fehlen.

vorlesen Druckansicht 7 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Kristina Grifantini

Das iPad von Apple ist nicht der einzige Tablet PC mit Multitouch-Oberfläche: Eine Reihe von Herstellern will in den kommenden Monaten Geräte mit dem Mobilbetriebssystem von Google herausbringen – und einigen Extras, die dem iPad bislang fehlen.

Keine Frage, wenn das iPad im kommenden Monat in den Apple Shops aufschlägt, sind der Computerschmiede aus Kalifornien weitere Schlagzeilen gewiss. Doch die Konkurrenz steht bereits in den Startlöchern: Im Laufe des Jahres wollen verschiedene Hersteller Tablet-PCs mit Multitouch-Bildschirm herausbringen, die mit Googles offenem Betriebssystem Android laufen. Den Hipness-Faktor von Apple-Produkten zu erreichen, dürfte zwar schwer werden. Doch Analysten sind überzeugt davon, dass Android den Herstellern einige Vorteile gegenüber dem iPad verschaffen kann.

Ebenso wie iPhone OS, mit dem das iPad arbeitet, ist auch Android ursprünglich für Handys entwickelt worden. Das bedeutet, dass es für Schnelligkeit und geringen Stromverbrauch ausgelegt ist. „Android ist sehr reaktionsschnell und sofort verfügbar“, urteilt Jeff Orr, Analyst für mobile Endgeräte bei ABI Research.

Anwendungen, die für Android-Handys entwickelt wurden, werden auch auf den neuen Tablet-PCs laufen. „Der Vorteil dieses Betriebssystems ist, dass die Hersteller bereits auf ein Entwicklungsökosystem aufsetzen können“, sagt Carl Howe, Direktor der Abteilung Anywhere Consumer Research bei der Yankee Group. Vor allem aber werden einige der Android-Tablets Eigenschaften haben, die dem iPad bislang fehlen. Dazu gehören die Möglichkeiten, Flash-Animationen laufen zu lassen, sowie Kameras und die parallele Ausführung mehrerer Programme (Multitasking).

Bereits im Januar stellten einige Hersteller auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas Prototypen solcher Geräte vor. Die taiwanesischen Firmen Compal, MSI und Quanta zeigten Tablet PCs mit Displays, die eine Bilddiagonale zwischen sieben und zehn Zoll haben, und dem Grafik-Prozessor Nvidia Tegra 2.

Die indische Firma Notion Ink präsentierte auf der CES das Tablet-Modell „Adam“. Die eine Version verwendet ein stromsparendes Display von Pixel Qi, die andere herkömmliche Flüssigkristall-
Bildschirme. Der Adam hat ebenfalls einen Tegra-2-Prozessor und wartet mit einer drehbaren Webcam auf. Kosten soll er umgerechnet zwischen 250 und 600 Euro.

Der französische Computerbauer Archos verkauft in den USA und Kanada bereits ein 5-Zoll-Tablet namens „Archos 5 Internet Tablet“ für 499 Dollar. Und auch Dell, derzeit weltweit Nummer 3 unter den Computerherstellern, will Gerüchten zufolge ins Geschäft mit den neuen Internet Tablets einsteigen. Im Laufe des Jahres soll ein 5-Zoll-Gerät mit Multitouch-Bildschirm und Android als Betriebssystem angekündigt werden.

Die Bostoner Firma Tap ’n Tap wiederum hat sich mit verschiedenen, bislang nicht genannten Komponenten-Herstellern zusammengetan, um ein derartiges Gerät zu produzieren. Als „Home Internet Device“ bezeichnet, soll es in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen. Ein Modell wird ein 7-Zoll-Display haben und um die 300 Dollar kosten. In einer Variante soll es für 3G-Mobilfunknetze ausgelegt und GPS-fähig sein, während die andere Variante laut Tap’n-Tap-Gründer Javier Segovia mit einem WLAN-Zugang ausgestattet ist.

Der Prototyp zeigt beim Start nicht einfach eine Anordnung von Programmsymbolen, sondern eine Seite mit „Portlets“. Das sind vom Nutzer konfigurierbare Bereiche, die zum Beispiel die Wettervorhersage, Nachrichten oder Fotos enthalten können. „Ein Handy trägt man die meiste Zeit in der Tasche mit sich herum. Die neuen Geräte werden aber auf der Fensterbank in der Küche oder auf dem Wohnzimmertisch liegen“, sagt Segovia. „Deshalb wollen wir, dass der Bildschirm mehr ist als nur eine Programmauflistung.“

Wie andere neue Android-Tablets wird auch der Tap ’n Tap über Kamera, Flash und Multitasking verfügen. Ein Demo für Technology Review zeigte eine angenehme und intuitive Benutzeroberfläche. Browser, Kalender, Adressbuch und Facebook können über eine Leiste am unteren Bildschirmrand gestartet werden. „Wie Apple glauben auch wir an die Leistungsfähigkeit eines Ökosystems von App-Entwicklern und die Dynamik durch Verbraucher, die die Apps runterladen“, sagt Segovia.

Analyst Carl Howe sieht die große Unbekannte für die neue Geräteklasse in der Zielgruppe. Die entscheidenden Fragen sind für ihn: "Wie nützen diese Geräte dem Verbraucher, und welches wichtige Bedürfnis erfüllen sie?“

Entwickler und Analysten sind sich darin einig, dass die Tablet-PCs wahrscheinlich in erster Linie zuhause genutzt werden, und dann eher zur Unterhaltung als für Arbeit und Kommunikation. „Wir gehen davon aus, dass in diesem Jahr rund vier Millionen solcher Geräte ausgeliefert werden“, sagt Analyst Jeff Orr. Im vergangenen Jahr – vor dem Hype ums iPad – wurden 100.000 der neuen Tablet-PCs ausgeliefert. Zum Vergleich: E-Books wie der Kindle von Amazon schafften 2009 weltweit einen Absatz von vier Millionen, die kleinen Netbooks sogar 35 Millionen. Gegen diese Konkurrenz müssen sich sowohl das iPad als auch die Androiden durchsetzen. (nbo)