Freikarten
Seit Nokia und Google kostenlose Turn-by-Turn-Navigation für ihre Smartphones anbieten, ringt die dadurch ausgebootete Navigations-Branche um neue Geschäftsmodelle. Mit ortsbezogenen Diensten, Werbung und Premiumdiensten will sie auch in Zukunft Geld verdienen, doch nicht jeder wird den Umbruch überleben.
- Achim Barczok
Zwei Ankündigungen zur Jahreswende haben den Navigationsmarkt erzittern lassen: Google bietet seit Oktober 2009 eine kostenlose Turn-by-Turn-Navigation für Android-Smartphones ab Version 1.6 an, bisher allerdings nur in den USA. Im Januar 2010 folgte Nokia und stellte seine Navigationslösung Ovi Maps samt Kartenmaterial für mehr als 180 Länder kostenlos für einige Nokia-Smartphones bereit. Alle künftigen Nokia-Modelle mit GPS-Empfänger sollen mit Ovi Maps und Fahrzeughalterung ausgestattet werden – weltweit. Die Navigationskarten stammen vom Geodaten-Anbieter Navteq, den Nokia im Jahr 2007 für rund acht Milliarden Dollar übernommen hat. Die Aktion soll nun den Verkauf von Nokia-Smartphones ankurbeln.
Die Branche reagiert teils ratlos, teils rastlos. Zum Mobile World Congress kündigten die Mobilfunkanbieter Vodafone und O2 kostenlose Navigationslösungen für die bei ihnen verkauften GPS-Smartphones an. Vodafone bindet Kartenmaterial von Tele Atlas in Vodafone-Anwendungen ein, O2 setzt auf die Offboard-Navigationslösung Telmap Navigator, die zukünftig auf allen O2-Smartphones mit GPS mitgeliefert wird. Anfang März legte T-Mobile nach, vorerst nur für sein Flaggschiff iPhone: Der deutsche Navigationsspezialist Navigon stellt zukünftig eine abgespeckte Version seiner Turn-by-Turn-Navigationslösung MobileNavigator exklusiv für T-Mobile-Kunden mit iPhone kostenlos zur Verfügung, Karten für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein inklusive (siehe S. 32 in c't 7/2010). Versionen für andere Smartphone-Modelle bei T-Mobile sollen folgen.
Damit, bringt Jim Nardulli vom Navigationsunternehmen NNG Global Services auf einem Branchentreffen während der CeBIT die Entwicklung auf den Punkt, wandelt sich Turn-by-Turn-Navigation „von einer Industrie zu einer Standardfunktion auf Smartphones“, genauso wie das Adressbuch oder der Mailclient. „Wir müssen anfangen, über Navigation als Feature für andere Anwendungen nachzudenken.“
Nach außen gibt sich die Branche positiv. Durch die richtungsweisenden Ankündigungen weite sich der Markt für Navigation aus und man könne neue Zielgruppen erschließen, heißt es einvernehmlich bei den Kartenherstellern Navteq und Tele Atlas. Doch innen brodelt es, denn für die Navigationsbranche bedeuten die jüngsten Schritte einen fundamentalen Wandel in ihrem Geschäftsmodell.
Premium-Features und Live-Dienste
Insbesondere die Anbieter von Stand-alone-Navigationsgeräten, die derzeit zusätzlich mit einem immensen Preisverfall und der Stagnation des Markts in Europa zu kämpfen haben, müssen ihre Strategien überdenken. Der Aktienkurs von TomTom sank am Tag der Nokia-Ankündigung um 15 Prozent ab. Konzernchef Harold Goddijn gab sich anlässlich der Jahresbilanz für 2009 dennoch optimistisch: Noch sei man von kostenloser Smartphone-Navigation nicht betroffen. Trotzdem muss auch er zugeben: „Die Branche durchläuft einen grundlegenden Wandel.“
Bei Gelegenheitsfahrern stehen günstige Navigationsgeräte zukünftig in direkter Konkurrenz zu Navigationssoftware, die auf dem eigenen GPS-Handy schon vorinstalliert ist. Anbieter wie TomTom, Navigon oder Garmin setzen bei ihren portablen Navigationsgeräten (PNDs) deshalb zunehmend auf Premium-Features. So wird die Kartennavigation mit zusätzlichen Informationen wie Höhenprofilen, 3D-Modellen von Gebäuden und Kurvenwarnern erweitert. Dazu kommen Anwendungen zum Spritsparen, ausführliche Reiseführer und historische Verkehrsdaten, die abhängig von Zeit und Wochentag die Verkehrslage abschätzen.
Sogenannte Connected Navis von TomTom, Navigon, Garmin und Medion können über ein GSM-Modul Zusatzinformationen während der Fahrt aus dem Netz laden [1]. Mio will im Juni mit dem Moov V780 ebenfalls ein Navigationsgerät mit Internetanbindung auf den Markt bringen (siehe S. 28 in c't 7/2010). Die Connected Navis zeigen aktuelle Wetterdaten und Tankstellenpreise oder informieren, welches Parkhaus noch freie Plätze hat. Echtzeit-Verkehrsdaten stehen über die Internetverbindung schneller und detaillierter auf dem Navi zur Verfügung als über UKW-Funk. Die Anbieter mixen Verkehrsdaten von ADAC und induktiven Schleifen in Autobahnen mit Bewegungsprofilen von Flottenpartnern, Netz-Navis und Handys, die Aufschluss über den aktuellen Verkehr geben. Zukünftig wollen die Kartenhersteller darüber auch Verkehrsinfos für Landstraßen und Verkehrsadern in Großstädten liefern können. Tägliche Karten-Updates über Mobilfunk könnten der nächste Schritt sein. Der Haken an den Netz-Navis ist die monatliche Gebühr, die für die Datenverbindung fällig wird.
Bei den Handy-Navis ist das Bereitstellen solcher Internetdienste weniger problematisch, weil viele Smartphone-Besitzer sowieso eine Datenflatrate besitzen. Die Hersteller von Navi-Software stecken jedoch in einer Zwickmühle: Einerseits erwarten die Endkunden nun kostenlose Navigation, andererseits müssen die Anbieter mehr und mehr Zusatzdienste von Drittherstellern einkaufen, um überhaupt noch im Wettbewerb mithalten zu können. „Wenn die Inhalteanbieter für alles Geld verlangen, wird das Ganze nicht funktionieren“, so Klaus Kremer von Alk Technologies, die die Navigationssoftware Copilot anbieten. Für die Bereitstellung aktueller Spritpreise beispielsweise gebe es für jedes Land unterschiedliche Inhalteanbieter, eine europaweite Abdeckung ist deshalb teuer.
Freemium, Communites, Werbung
Die Lösung heißt vielleicht „Freemium“, ein Modebegriff für kostenlose Basis-Software, die mit kostenpflichtigen Zusatzdiensten erweitert werden kann. Die abgespeckte T-Mobile-Version von Navigons MobileNavigator fürs iPhone beispielsweise lässt sich mit 10 bis 20 Euro teuren Zusatzpaketen mit Verkehrsdiensten, Europakarten oder weiteren Navigationsfunktionen aufrüsten. Auch Telmap verlangt für Zusatzdienste teilweise Geld und setzt dabei auf lokal zugeschnittene Lösungen: In Frankreich ist beispielsweise die Integration der Community Coyote zur Meldung von Radarfallen so populär, dass man dafür 9 Euro im Monat verlangen kann. In Israel kann man mit dem Navi einen Parkplatz reservieren, in London die Maut für die Innenstadt bezahlen.
Der Softwarehersteller Inrix nutzt die kostenlose Version seiner Verkehrsinfo-App Inrix Traffic für Android und iPhone, um Mehrwert für die kostenpflichtige Variante zu schaffen. Alle Nutzer geben ständig ihre aktuelle Position an Inrix weiter, mit den Informationen kann Inrix stockenden Verkehr und Staus früher erkennen. Die Premiumkunden, die 10 US-Dollar im Jahr bezahlen, profitieren von diesen Daten bei Routenberechnung und ermittelten Reisezeiten. Inrix verkauft seine Verkehrsdaten außerdem weiter an andere Navigationsanbieter, zum Beispiel Navigon.
Das Aggregieren von ortsbezogenen Daten aus der Community sehen auch die Anbieter kostenloser Navigationslösungen als wichtiges Mittel, um im Wettstreit mit anderen Lösungen ohne hohen Kostenaufwand Zusatzfunktionen bereitstellen zu können. Georeferenzierte Daten aus sozialen Netzwerken, beispielsweise Twitter- und Buzz-Nachrichten oder Fotos mit Geotags lassen sich leicht als zusätzliche Informationsebene in Kartenmaterial einblenden. Vodafone bietet für seine Handy-Navigation eine offene Schnittstelle an und will Entwickler dazu anregen, auf Basis der Karten eigene Dienste zu erstellen. Auch Nokia hofft bei Ovi Maps auf eine emsige Community: Einige Dienste wie Reise- und Hotelführer oder Infos zum öffentlichen Nahverkehr hat Nokia in Kooperation mit anderen Unternehmen bereitgestellt, im Juni soll die Ovi-Maps-Schnittstelle für alle geöffnet werden.
Vielleicht ist es aber auch gar nicht nötig, den Nutzer über Gebühren oder über den Handy-Preis für Navigationsdienste bezahlen zu lassen. Schon lange experimentieren die Anbieter mit Modellen für werbebezahlte Ortsdienste, die mit der weiten Verbreitung von GPS-Handys mit Internetflatrates für Werbekunden zunehmend interessant werden. Die Angebote reichen dabei von eingeblendeten Werbebannern über prominent platzierte Hinweise auf Läden oder Restaurants in der Umgebung bis hin zu Coupons für naheliegende Shops.
Solange sie nicht zu aufdringlich sind oder vom Navigieren ablenken, empfänden die meisten die Werbung noch nicht einmal als störend, so Serge Bussat von Navteq. 74 Prozent der Teilnehmer einer Navteq-Studie hätten angegeben, ortsbezogene Werbung in Navigationskarten für akzeptabel zu halten. „Wir waren überrascht über die Akzeptanz beim Kunden.“
Am Ende werden sich wohl verschiedene Geschäftsmodelle auf dem Markt durchsetzen, von der kostenlosen Standard-Navigation mit Werbeeinblendungen bis hin zum Premiumgerät. Dennoch geht der Wandel nicht ohne Auswirkungen an den Unternehmen vorbei: Schon jetzt verschwinden Lösungen vom Markt, PND-Hersteller gehen zusammen oder werden aufgekauft.
Zukunft der Navigation
Dass durch die kostenlose Handy-Navigation das Geschäft mit speziellen, portablen Navigationsgeräten am Ende ganz verschwinden wird, denkt kaum einer in der Branche. Jim Nardulli von NNG führt aber einen weiteren Spieler ins Feld: „Ich glaube nicht, dass PNDs vom Smartphone ersetzt werden, aber vielleicht von kleineren PCs“, meint er und verweist auf das iPad und den Trend zu kleinen Rechnern im Tablet-Format. Und auch die Automobilbranche mit ihren Einbaulösungen dürfe man nicht aus den Augen verlieren, so Nardulli. Die müsse allerdings erst einmal die Preise für Einbaunavigation auf ein vernünftiges Level senken.
Ob sich für die beiden Störenfriede der Navigationsbranche Google und Nokia ihre kostenlosen Navigationslösungen am Ende bezahlt machen, ob Nokia dadurch mehr Handys verkaufen und Google das Android-Betriebssystem stärker auf dem Markt positionieren kann, ist noch unklar. Einen Gewinner des Vorstoßes kann man aber jetzt schon ausmachen: Smartphone-Nutzer können sich über kostenlose Turn-by-Turn-Navigation und neue Dienste freuen.
Literatur
[1] Achim Barczok, Die Netz-Navis, Navigationsgeräte mit Internetanbindung, c’t 4/10, S. 132 (acb)