Echte BrĂĽckentechnologien
Wir brauchen Technik, die neue Verbindungen herstellt - und zwar nicht nur nach vorne als vermeintlich einziger Zukunftsrichtung.
- Peter Glaser
Wenn wir wollen, dass alle Menschen etwas vom technischen Fortschritt haben, brauchen wir Brückentechnologien. Das heißt, wir brauchen Technologien, die nicht einfach nur die Early Adopters und die technisch Interessierten und Versierten ansprechen. Sondern vor allem auch solche, durch die Verbindungen zum Rest der Menschheit hergestellt werden, der aus verschiedensten Gründen nur beschränkten oder keinen Zugang zu den neuen Wundern der Ingenieurskunst hat. Technologien, die sich darum bemühen, auch diesen Rest zu erreichen, nenne ich Brückentechnologien.
Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten. Brückentechnologie heißt: Technologie für die übrigen 90 Prozent. Dr. Paul Polak von "International Development Enterprises" bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass die meisten Entwickler auf der Welt ihre Energie in die Schaffung von Produkten und Dienstleistungen stecken, die exklusiv den wohlhabendsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zugute kommen. Er fordert deshalb eine Revolution in der Technologieentwicklung, um auch die übrigen 90 Prozent zu erreichen.
Ein klassisches Beispiel für Brückentechnologien hatte ich hier im Blog schon erwähnt ("Das Mail-Monster"): eine mechanische Schreibmaschine, mit der man E-Mails verschicken kann. Eine junge Inderin, Designstudentin in Mailand, wollte ihrer in Indien lebende Mutter entgegenkommen, die nicht mit Computern zurechtkommt. Sie befürchtete, ohne E-Mail zunehmend vom Kontakt der in verschiedene Weltgegenden verstreuten jungen Familienmitglieder ausgeschlossen zu sein, für die elektronische Kommunikation selbstverständlich ist. Also wurde eine alte Olivetti-Schreibmaschine so umgerüstet, dass sie eingetippten Text automatisch in eine Datei umwandelt, die, sobald man das fertig beschriebene Blatt aus der Maschine zieht, als E-Mail an den im Adresskopf des Briefs benannten Adressaten verschickt wird. An dem Projekt sind nicht nur in Indien Menschen sehr interessiert, die sich dem Umgang mit moderner Kommunikationstechnik nicht ausreichend gewachsen fühlen.
Diese Brückenlösungen sind oft um so besser, je einfacher sie sind. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Kyoto-Box, ein genial einfacher Solar-Ofen aus einem innen schwarz bemalten Pappkarton mit reflektierender Alufolie auf den Deckelklappen, Kostenpunkt fünf Euro. In sonnenreichen afrikanischen Ländern läßt sich damit Wasser heiß machen und Essen kochen, ohne dass weitere Landstriche, nur um Feuer machen zu können, abgeholzt werden müssen und auch ohne teure solartechnische Anlagen, bei denen Grundinvestition, Wartung und Ersatzteilbeschaffung oft unüberwindliche Hürden bilden.
Eine andere Facette von Brückentechnologie vermittelt das "Null-Yen-Haus" des japanischen Architekten Kyohei Sakaguchi. Den hochindustrialisierten Ballungsräumen des Landes angemessen, handelt es sich hierbei um eine technisch etwas aufwendigere Idee, Obdachlosen nicht einfach nur zu einem Unterschlupf zu verhelfen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, mit der medialen Öffentlichkeit in Verbindung zu bleiben und also an der Gesellschaft teilzunehmen. Die Biwak-artige Unterkunft verfügt über ein Solar-Panel, das genug Energie liefert, um auch einen Fernseher und ein Radio betreiben zu können.
Ergo: Wenn wir möchten, dass auch alle anderen so von Technologie begeistert sind wie die Enthusiasten unter uns, sollten wir dafür sorgen, dass auch wirklich alle an der interessanten Reise in die Zukunft teilhaben können.
(bsc)