Big, Bigger, Biggest Brother

Bei der Videoüberwachung geht noch mehr: Ein israelisches Start-up hat eine Gigapixel-Kamera entwickelt. Dabei ist die Auflösung selbst noch gar nicht der "Clou".

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Von
  • Niels Boeing

Die Reeperbahn ist ja bekanntlich ein gut ausgeleuchteter Winkel von Hamburg. Seit März 2006 zeichnen zwölf Überwachungskameras auf, was die Kiezgänger zwischen Spielbudenplatz und Nobistor so treiben. Außerdem wird noch der Hansaplatz mit fünf Kameras beobachtet. Damit ist Hamburg bei der Überwachung des öffentlichen Raums hierzulande ziemlich weit vorne – gemessen an deren absurdem Ausmaß in Großbritannien ist das allerdings immer noch ein Klacks.

Die Hamburger Polizei sieht die wichtigste Aufgabe der Reeperbahn-Späher in der Gewaltprävention. Nach ihrer Ansicht ist die auch erfolgreich: Zwischen März 2006 und Juni 2008 gab es 483 Einsätze, "die ohne Videoüberwachung nicht oder zumindest deutlich später wahrgenommen worden wären", wie es in einer Evalution des Senats vom April 2009 hieß. Die zeigt aber auch, dass im Auswertungszeitraum sowohl im Überwachungsbereich als auch in einem nicht überwachten Kontrollbereich die Zahl der Delikte gegenüber früheren Zeiten zugenommen hat.

Man könnte es also gut sein lassen mit der Videoüberwachung. Man könnte aber natürlich auch nachrüsten.
Zum Beispiel mit der neuen Kamera der israelischen Firma Adaptive Imaging Technologies (AIT). Die gilt in Sicherheitskreisen als heiße Nummer: Sie gewann 2009 den "Most Promising Start-up Award" bei der Global Security Challenge in London und wird vom US-Verteidigungsministerium mit 100.000 Dollar gefördert.

Die "Panoramic Telescope" genannte Technologie von AIT dürfte das Herz aller Kontrolleure höher schlagen lassen. Erstens: Die Bildauflösung beträgt ein Gigapixel. Zweitens: Aufgrund dieser enormen Datenmenge kann die AIT-Kamera gleichzeitig an verschiedene Bildausschnitte heranzoomen und sie klar auflösen. Drittens: Das Linsensystem ermöglicht einen Weitwinkel, der nach Angaben der Firma ein Sichtfeld von 50 herkömmlichen Kameras abdeckt, und kann rund zehn Kilometer in die Ferne spähen.

Erste Einzelanfertigungen sind bereits ausgeliefert – für 100.000 Dollar pro Stück soll das Modell bis Ende des Jahres auf den Markt kommen. De facto würde also das Äquivalent zu einer herkömmlichen Überwachungskamera 2.000 Dollar kosten. Nur zum Vergleich: Das System der zwölf Reeperbahn-Kameras hat 675.000 Euro gekostet.

Die entscheidende Erfindung hinter der Technologie sei eine "nicht-uniforme Auflösung", habe ich mir von AIT-CEO Gideon Miller erklären lassen. Die Pixel würden "selektiv auf der Sensor-Hardware-Ebene reduziert", um Prozessor und Bandbreite der Datenleitung nicht zu überlasten. Welche Pixel jeweils weggeschmissen werden, kann von Bildframe zu Bildframe verändert werden. Die Pixelrate pro Frame bleibt jedenfalls "innerhalb der Grenzen einer herkömmlichen Bandbreite".

Damit wird es laut Miller möglich, mehrere Personen im Überwachungsfeld in Nahaufnahme zu bringen und zu verfolgen – und zwar "über enorme Distanzen hinweg". Die Verfolgung kann ein Operator in der Einsatzzentrale übernehmen, aber auch eine auf Bewegungen reagierende Software.

Einen "Haken" hat die Technologie: Man kann von archiviertem Bildmaterial nicht nachträglich in die Szene hineinzoomen. Macht wohl nichts, schließlich geht es ja zuerst um Prävention, nicht wahr?

Ob die Kameras so funktionieren, wie AIT sagt, wird sich zeigen. Sollten sie es – und bei der Qualität der israelischen Hightech-Entwicklungen zweifele ich nicht daran –, wird die Videoüberwachung schon bald einen ziemlichen Sprung machen. Vor den Panaromablicken von morgen wird der Große Bruder von heute ein Zwerg sein. (nbo)