Kriege ohne Tote

Die japanische Armee verwendet derzeit zu Trainingszwecken eine Hightech-Weste, die, würde man ihr Prinzip zu Ende denken, bewaffnete Konflikte ohne Tote ermöglichen könnte.

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Von
  • Martin Kölling

Ich bin kein Freund des Militärischen, und mich grämt die Umsetzung technischer Kreativität in innovative Mordwerkzeuge ungemein. Umso erfreuter war ich, als ich bei einem Besuch der japanischen Selbstverteidigungskräfte (so der hiesige Euphemismus für Japans Militär) eine Hightech-Weste sah, die – mutwillig übermütig pazifistisch interpretiert – Kriege ohne Tote ermöglichen könnte. Es handelt sich um ein mit Sensoren bestücktes Kleidungsstück, das bei Manövern Treffer und den Verwundungsgrad des Soldaten anzeigt und an einen Zentralrechner überträgt.

Ich weiß nun nicht, ob solche Technik inzwischen Standard bei den Armeen der Welt ist. Dennoch wollte ich sie kurz vorstellen (Bilder gibt's hier): Der Soldat zieht einen Überzug über den Helm sowie eine Weste an, die beide zusammen mit insgesamt etwa 15 Sensoren versehen sind. Das System selbst, dessen Hersteller Fujitsu sein soll, ist über Funk mit einem Computer verbunden, über den die Kommandeure den Zustand ihre Soldaten überwachen können. Die Sensoren erfassen Laserstrahlen, die die feindlichen Soldaten anstelle von Kugeln verschießen.

Ein Display auf der Brust des Soldaten zeigt den Ort der Treffer sowie den Schweregrad der Verwundung an – von "unverletzt" über "leicht verletzt" bis "tot". Gleichzeitig fangen LEDs auf dem Helm an zu blinken, wenn der Soldat getroffen wurde. (Dieses System hätte in den Cowboy- und Indianerspielen meiner Jugend als neutraler Schiedsrichter sicher einigen Streit vermieden. Denn damals folgte auf das "Peng-peng, Du bist tot!" unweigerlich ein hitziger Wortwechsel "Bin ich nicht!" – "Bist du doch!" – "Bin ich nicht!"...)

Nun stelle man sich einmal vor, die Welt würde beschließen, alle Soldaten mit diesen Trainingswesten zu versehen und Kugeln, Bomben und Granaten durch elektronische Simulationen zu ersetzen. Dann könnten die derart "angeschossenen" Soldaten, anstatt tot vom Schlachtfeld getragen zu werden, einfach vom Platz gestellt werden, von wo aus sie wie Fußballspieler nach einer roten Karte den Rest des Krieges verfolgen müssten.

Die Idee hat vielleicht höhere Aussichten auf eine Umsetzung als die Forderung nach einer Abschaffung des Militärs überhaupt. Denn es würde nur Gewinner geben: Leben würden geschont, Leiden erspart, ohne dass der militärisch-industrielle Komplex sein Geschäft gänzlich verlieren würde. Umweltfreundlicher und sparsamer wäre es auch, weil Panzer nicht mehr so starke Panzerungen tragen müssten, da die Waffen ja nur simuliert werden. Das Kriegsgerät wäre daher viel leichter und würde nicht mehr so viel Energie verschlingen und Kohlendioxid in die Umwelt pusten. Zugespitzt gesagt: Eine solche Weste ermöglicht eine gesellschaftlich und ökologisch nachhaltige Kriegsführung. Und da diese Kriege dermaßen idiotisch wären, würde die Menschheit in einem Anfall der Selbsterkenntnis Waffen im nächsten Schritt vielleicht ganz abschaffen.

Dummerweise ist dies wohl nur eine theoretische Möglichkeit. Tatsächlich wird die Weste in der fantasielosen Wirklichkeit unserer Tage natürlich für das genaue Gegenteil verwendet: zum Perfektionieren der Tötungsmaschinerie. Den Soldaten sollen im Frieden in möglichst realitätsnahen Gefechtssituationen die Reaktions- und Tötungsroutinen antrainiert werden, damit sie im Ernstfall nicht zucken und zögern. Dies ist besonders für Japans Selbstverteidigungskräfte wichtig, denen der Einsatz in Kriegsgebieten verboten ist, und die daher seit dem Zweiten Weltkrieg über keinerlei Gefechtserfahrung verfügen.

Wie realitätsnah die Simulation ist, zeigen Bilder von den Kriegsspielen. Auf Manövern müssen die Soldaten sogar ihren virtuell "getroffenen" Kameraden real verarzten, wie ein Video eines Manövers zeigt. Wenn das Display beispielsweise eine Verwundung am Arm anzeigt, sollen die Kameraden den Verletzten am Arm verbinden. Nur das Blut ist nicht real. (bsc)