Gibt es schwarze Schwäne?

Vom blinden Fleck in "Neuromancer" zum Ende der technischen Ăśberraschungen: Die Zukunft ist bereits beschrieben worden.

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Von
  • Niels Boeing

Vor einigen Tagen habe ich endlich eine angenehme Altlast entsorgt und den letzten Teil von William Gibsons Neuromancer-Trilogie ausgelesen. Ein großes Zukunftspanorama. Dennoch habe ich mich über eines gewundert: Wie kommt es, dass Gibson, der hinsichtlich des "Cyberspace" so visionär war, die zweite Hälfte der Informationsrevolution ausgelassen hat: die mobile Kommunikation?

Mobil kommuniziert wird bei Gibson, selten genug, per Funk, wenn die Protagonisten nicht gerade in ihr Deck eingestöpselt sind und sich im Cyberspace treffen. Das Telefon hingegen hat sich wie bei vielen anderen Autoren zum unvermeidlichen Videotelefon weiterentwickelt, aber es ist immer noch in Terminals versenkt oder an eine Leitung gebunden. Auch in Ridley Scotts Film "Bladerunner", 1982, zwei Jahre vor "Neuromancer", erschienen, ruft Harrison Ford immer mal über öffentliche Videotelefone an. Das ist erstaunlich, denn zu dieser Zeit gab es bereits die ersten analogen Mobilfunknetze.

Viele Scifi-Fans haben sich die Frage gestellt, warum die Mobiltelefonie in diesem Genre so lange ein Schattendasein führte. Sicher, es gab den Communicator in Startrek (1967), der den Entwickler von Motorolas "Knochen" DynaTAC, Martin Cooper, inspirierte, wie er einmal sagte. Die Suche nach noch früheren Handy-Andeutungen führt zu Taschentelefonen in Robert Heinleins "The Star Beast" (1954) und erstaunlicherweise zu Erich Kästners Kinderbuch "Der 35. Mai oder Konrad reitet in der Südsee" (1932!). Allen ist aber gemeinsam, dass Mobiltelefone nie als Massentechnologie gedacht wurden. Auch in Startrek ist es nur eine Fortführung des militärischen Funks.

Technisch hätte in den frühen 1980ern die Idee des Handys – oder des Universalkommunikators, zu dem es durchs iPhone geworden ist – die Phantasie nicht überstrapaziert: Die Miniaturisierung der Elektronik war bereits erkennbar. Technik ist allerdings nicht alles – sie muss auch auf Bedürfnisse treffen, und wenn sie nur latent sind. Geschwatzt und getratscht haben die Menschen immer. Schon mal eine gute Voraussetzung. Irgendein Zukunftsforscher, ich glaube, es war Matthias Horx, schrieb vor Jahren, dass das Handy in den 1990ern auch auf einen demographischen Wandel getroffen sei. Für die zunehmende Zahl alleinerziehender und/oder berufstätiger Mütter sei es das perfekte Tool gewesen, um den aufreibenden Alltag zu koordinieren. Für die Handlungsreisenden der Globalisierung war es das sicher auch. Waren diese Trends Anfang der 1980er noch nicht zu erkennen?

Das Handy ist offenbar so etwas wie ein technologischer "schwarzer Schwan" gewesen: etwas, das relativ unvorhergesehen kommt und das Leben einer Gesellschaft deutlich verändert. Der Essayist und Ex-Wall-Street-Händler Nassim Nicholas Taleb hat diesem Phänomen ein ganzes Buch gewidmet. Man könnte darüber sinnieren, ob es der Sciencefiction je so wichtig war, plausible Zukünfte zu skizzieren und schwarze Schwäne aufzuspüren, bevor sie jeder sieht. Auch wenn SF-Autor Cory Doctorow da seine Zweifel hat, ging es zum Teil sicher auch darum.

Mich beschäftigt eine andere Frage: Gibt es heute einen technologischen schwarzen Schwan, den wir übersehen, obwohl wir zwei und zwei zusammenzählen könnten? Laut Taleb müssen wir ihn übersehen, ganz einfach, weil die Zukunft unvorhersehbar ist. Das würde ich so absolut nicht gelten lassen: Manchmal ist etwas erahnbar. Den Cyberspace zum Beispiel hat Gibson in "Neuromancer" in seiner gesellschaftlichen Wirkung richtig erfasst, im Unterschied zur IT-Industrie, die damals keinen Pfifferling drauf gab (auch wenn konkrete Details heute [noch] anders aussehen als bei Gibson).

Ich wage eine kühne These: Es gibt keine technologischen schwarzen Schwäne mehr. Die Sciencefiction hat seit Gibsons Tagen jede erdenkliche Nische ausgeleuchtet. Medien und Blogosphäre wiederum berichten heute akribisch über jedes neue technische Konzept, das in irgendeinem Paper, in einer Äußerung sichtbar wird. Die Wissenschaft kann in Simulationen Entwicklungspfade mit weiten Zeithorizonten durchrechnen. Nanoroboter, eine Kurzweilsche Singularität, Hirnprothesen, Cyborgs, Roboter, synthetische neue Spezies, Kernfusion, künstliche Photosynthese, Fleisch aus der Retorte... die Liste ist endlos.

Eigentlich sind alle potenziellen Zukünfte, so abwegig sie im Moment noch erscheinen, irgendwo bereits durchgespielt worden, weil das Geschäft mit der Zukunft durch und durch professionalisiert worden ist. Was wir derzeit erleben, ist das Ende der technischen Überraschungen. Wir müssen nicht mehr in die Zukunft stolpern. Das ist eigentlich eine unglaubliche Aussicht. Und doch sind wir seltsam gelähmt. Denn nun müssten wir Entscheidungen treffen. Und dazu müssten wir wissen, was für eine Zukunft wir wollen. (nbo)