Lebensnah

Desktop-Rechner oder Notebook, USB-Kamera und einen Breitband-Internetanschluss – mehr braucht es nicht für die Videotelefonie-Station im Büro oder zu Hause. Software und Vermittlungsdienst sind oft kostenlos, einige Anbieter liefern sogar bestechend detaillierte Videos in HD-Auflösung.

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Kaum etwas beeindruckt wenig versierte Computernutzer mehr, als wenn man ihr frisch erworbenes Notebook mit eingebauter Kamera im Handumdrehen in ein Videofon verwandelt und per Mausklick das Live-Bild weit entfernter Freunde aufs Display zaubert. Dass die Verbindungen mittlerweile so problemlos durch alle Firewalls und über Router hinweg zustande kommen, ist ein Verdienst der Hersteller von Videofonie-Software. Die deutlich bessere Qualität bei Bild und Ton hingegen hängt auch mit der gestiegenen Leistungsfähigkeit handels-üblicher Rechner und vor allem der höheren Bandbreite bei Internetanschlüssen zusammen. Moderne Mehrkernprozessoren – mittlerweile auch in Notebooks Standard – kodieren und dekodieren die Audio- und Videodatenströme inzwischen mit links. Rechenintensive Algorithmen wie MPEG-4 AVC (H.264) liefern im Vergleich zu älteren Codecs deutlich bessere Bildqualität bei niedrigerem Datenvolumen.

Zur Beliebtheit von Videofonie im privaten Rahmen trägt zudem bei, dass die Hersteller ihren Notebooks bis hinunter zum Netbook fast durchweg Kameras einbauen. Ein Headset ist heute meist nicht mehr notwendig – integrierte Mikrofone und Lautsprecher übernehmen dessen Aufgaben problemlos. So hat man ohne Peripheriegestöpsel die komplette Videofonie-Hardware auch auf dem Sofa parat.

Für unseren Vergleichstest aktueller Videofonie-Angebote sowohl für Privatanwender als auch den Einsatz im Unternehmen haben wir ein gemischtes Testfeld aus zehn Kandidaten zusammengestellt, um der Bandbreite der Einsatzzwecke vom vertraulichen Vier-Augen-Gespräch bis zur virtuellen Teamsitzung gerecht zu werden. Vertreten sind deshalb einerseits die viel genutzten kostenlosen Instant-Messenger mit Videofunktion AIM, ICQ, Skype, Windows Live Messenger und Yahoo Messenger sowie iChat für den Mac (alle Downloads siehe Link am Ende des Artikels). Andererseits treten mit LifeSize Desktop, Mirial Softphone, Nefsis und PlaceCam kommerzielle Videokonferenzlösungen an, die mit bewegten Bildern in einer Auflösung von 1280 x 720 Pixeln (720p) umgehen können, was in der Branche keineswegs selbstverständlich ist – als maximale Auflösung ist vielmehr VGA Standard (640 x 480 Pixel). Vier der Kandidaten erlauben nur Zwiegespräche, sechs auch Konferenzschaltungen, sechs sind generell kostenlos, PlaceCam ist zumindest für Privatanwender gratis.

Alle Produkte im Test kommen ohne Spezial-Hardware aus. High-End-Geräte wie Kameras mit eingebautem Hardware-Codec, die automatisch zum Sprecher schwenken oder spezielle MCUs (Multipoint Control Unit), die Konferenzen mit sehr vielen Teilnehmern managen, machen nochmals deutlich bessere Videoübertragungen möglich, kosten aber auch eine Stange Geld. Der Report auf Seite 104 wirft einen Blick in die Oberklasse der Videokonferenzsysteme.

Um herauszubekommen, was die Produkte unter idealen Bedingungen leisten, haben wir drei Rechner mit Core-i7-Vierkernprozessoren, je 4 GByte RAM und Windows 7 (64 Bit) ausgestattet. Als Kameras kamen die drei HD-fähigen Modelle Pro 9000 und C905 von Logitech sowie Live! Cam Optia Pro von Creative zum Einsatz, die zwischen 50 und 80 Euro kosten. Für die Tests verwendeten wir nach Möglichkeit HD-Auflösung, sonst VGA. Zwei Rechner hingen im selben LAN (100 MBit/s), das mit satten 155 MBit/s ans Internet angebunden ist. Den dritten hängten wir an einen VDSL-Anschluss mit 1 MBit/s Upstream und 25 MBit/s Downstream.

So viel Bandbreite steht natürlich nur in Ausnahmefällen zur Verfügung. Deshalb haben wir eine zweite Testrunde mit gleichbleibend hoher Videoauflösung durchgeführt. Den Netzwerkanschluss eines der Rechner im LAN leiteten wir dabei über einen Linksimulator Linktopy Mini des Herstellers Apposite, der uns von Digital Hands zur Verfügung gestellt wurde. Mit Hilfe dieses Geräts drosselten wir die Bandbreite für einen Rechner auf übliches DSL-Niveau von 256 kBit/s Upstream und 2048 kBit/s Downstream und konfigurierten die Clients entsprechend. Die Messergebnisse dieses Durchgangs sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da die Kopplung zweier Rechner mit derart unterschiedlichen Internetanschlüssen ein Worst-Case-Szenario darstellt: Die Clients sollten sich in einem solchen Fall auf die geringste Bandbreite als gemeinsamen Nenner einigen, manche Anwendung hat damit aber offenbar Schwierigkeiten. Bei Videofonie über zwei echte DSL-Anschlüsse mit ähnlicher Bandbreite kann man erfahrungsgemäß mit deutlich besserer Qualität rechnen.

Bei allen Testläufen schnitten wir einen Teil der Videokonferenz mit, bei der einer der Gesprächspartner durch ausladende Gesten für Bewegung im Bild sorgte. Zum Abfilmen des Bildschirms diente der kostenlose Screenrecorder CamStudio mit HuffYUV als Codec. Die Bildwiederholrate der Aufnahme betrug 200 fps (frames per second) und lag damit deutlich über dem, was irgendeine Kamera liefert. Eine Konferenz am Laufen zu halten und sie gleichzeitig abzufilmen erledigt ein Core i7 mit links: Die gesamte Prozessorauslastung kletterte im Test selbst bei laufendem Screenrecorder praktisch nie über 20 Prozent. Um mögliche Verfälschungen des Ergebnisses durch Speicherzugriffe auszuschließen, pufferte CamStudio seine temporären Daten auf einem gesonderten Laufwerk.

Die Mitschnitte öffneten wir anschließend in VirtualDub und wählten einen exakt fünf Sekunden langen Abschnitt aus. Anschließend gingen wir dessen tausend Einzelbilder einzeln durch und zählten jene, die sich von ihrem unmittelbaren Vorgänger unterschieden. So erhielten wir die Zahl der von der Software übertragenen unterschiedlichen Bilder des Videostroms und errechneten daraus die in der Tabelle angegebenen Bildraten. Als Faustregel gilt: 15 Bilder pro Sekunde und mehr sorgen für einen lebensnahen Eindruck, mehr als 10 wirken auch bei schnellen Bewegungen noch flüssig, unter 6 ruckeln selbst ruhige Szenen.

Mit iChat nahm auch ein reiner Mac-Client am Test teil. Als Videotelefone dienten uns hier zwei MacBooks mit DualCore-Prozessoren (2 und 2,4 GHz) sowie ein Mac Pro mit zwei Dual-Core-Xeon-Prozessoren (je 3 GHz). Auf letzterem erfolgte der Videomitschnitt mit QuickTime unter Mac OS X 10.6. Auf einem der MacBooks lief die integrierte iSight-Kamera. In die beiden anderen Macs stöpselten wir die oben erwähnten Logitech-Kameras, um einigermaßen vergleichbare Voraussetzungen für die Testläufe zu schaffen. Einzelne Videofonie-Anwendungen profitieren nämlich davon, wenn bestimmte Kameras zum Einsatz kommen: Apple kann als Hersteller sowohl der iSight als auch von iChat beide Komponenten optimal aufeinander abstimmen; Skype beispielsweise verspricht im Zusammenspiel mit ausgewählten Kameras von Logitech und Philips sogenannte High-Quality-Videos mit VGA-Auflösung bei bis zu 30 fps [1]. Zwei unserer Testkameras gehören zu diesen speziellen Modellen, die sich übrigens auch auf den Listen für empfehlenswerte Hardware einiger anderer Videofonie-Anbieter finden.

[1] Peter König, Fast, als wäre man da, Hochwertige Videotelefonie am Desktop – so geht’s, c’t 1/08, S. 124

www.ct.de/1008094

Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 8/2010.