RTL und Arvato ziehen Bertelsmann in neue Gewinnsphären

Das größte Medienhaus Europas konnte 2003 seinen operativen Gewinn vor allem dank seiner beiden Vorzeigesparten Fernsehen und Druck noch einmal kräftig steigern.

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  • Michael Donhauser
  • dpa

Seine beiden Goldesel RTL und Arvato haben dem Bertelsmann-Konzern auch 2003 den Boden bereitet, um auf dem international hart umkämpften Medienmarkt bestehen zu können. Das größte Medienhaus Europas konnte 2003 seinen operativen Gewinn vor allem dank seiner beiden Vorzeigesparten Fernsehen und Druck noch einmal kräftig steigern und rückt dem selbst gesteckten Ziel von Vorstandschef Gunter Thielen näher: 2 Milliarden Euro Gewinn 2008 -- gemessen an dem für die Gütersloher relevanten, um Sondereinflüsse bereinigten operativen EBITA (Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf Firmenwerte). Spätestens 2007, wenn Thielen das Feld für seinen Nachfolger räumen muss, soll diese Gewinngröße 10 Prozent vom Umsatz betragen, nach 6,7 Prozent 2003.

Trotz bereits jetzt vorzeigbarer Zahlen will das Donnergrollen über dem Konzern auch eineinhalb Jahre nach dem Rauswurf von Thielens Vorgänger Thomas Middelhoff nicht völlig verstummen. Ausgerechnet Middelhoff ist es, der mit seinem Gang in den Aufsichtsrat des Handelsriesen KarstadtQuelle Thielen aus dem Kontrollgremium des großen Bertelsmann-Kunden drängt. Das erst vor wenigen Tagen erschienene Buch des Medienjournalisten Thomas Schuler mit teils privaten Details aus dem Leben der Familie des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn war ebenfalls nicht gerade Nervennahrung für die Gütersloher.

Unternehmerisch schreitet Thielen mit seiner Mannschaft dennoch unbeirrt voran. Getreu seiner zum Abschluss einer Konsolidierungsphase Ende 2003 ausgegebenen Devise "Wachstum und Innovation" will er ohne spektakuläre Akquisitionen auskommen. Ansonsten zieht es die Bertelsmänner nach Osteuropa und Asien. In China, vor allem aber auch in Indien sind "viele Menschen und wenig Wettbewerb" wie Thielen es einmal formulierte -- vergleichsweise ideale Bedingungen im weiter hart umkämpften und unsicheren Medienmarkt. Thielen liebäugelt ferner etwa mit einem Fernsehsender in Russland. Dort ist zwar im Moment nicht viel zu verdienen. Wenn die Geschäfte losgehen, will Thielen aber den Fuß in der Tür haben.

Auch die Zeitschriften-Sparte Gruner+Jahr soll weiter wachsen, international neue Magazine platzieren und den Überraschungserfolg der französischen Fernsehzeitschrift Tele 2 Semaine wiederholen. RTL, von Erfolgen wie Deutschland sucht den Superstar und Dschungelcamp fast ein wenig verwöhnt, muss den neu aufgestellten inländischen Konkurrenten Pro SiebenSat.1 abwehren. Ebenso ist es erklärtes Ziel von RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler, die Einnahmen unabhängiger vom weiter kränkelnden Markt mit klassischer Werbung zu machen. In Frankreich etwa macht das Privatfernsehen nur noch weniger als die Hälfte des Umsatzes mit herkömmlichen Werbespots, in Deutschland liegt die Quote noch bei 85 Prozent.

Gleichzeitig muss Bertelsmann aber auch eine Reihe von Problemen lösen, die den Konzern bereits seit einiger Zeit beschäftigen. Die 209-Millionen-Euro-Schmach eines Gerichtsurteils im kalifornischen Santa Barbara belastet die Gütersloher enorm. In wenigen Tagen endet die Berufungsfrist gegen den Richterspruch. Die Bertelsmann-Juristen wollen die Schlacht vor US-Gerichten weiter schlagen. Denn die auferlegte Millionen-Zahlung an zwei ehemalige Manager, die Ansprüche aus dem milliardenschweren Verkauf der Bertelsmann-Anteile an AOL Europe geltend machen, wird als schwere Blamage empfunden.

In Brüssel nehmen die Wettbewerbshüter der EU gerade die geplante Fusion der Bertelsmann-Musiksparte BMG mit dem japanischen Elektronikriesen Sony unter die Lupe. Die Fusion zur Nummer zwei der Branche hinter Primus Universal Music ist aus Sicht beider Partner dringend nötig, um auf dem Markt weiter bestehen zu können. Die Fusion soll jährliche Einsparungen in Höhe von 150 Millionen Euro allein für Bertelsmann bringen. Ob Brüssel aber grünes Licht sendet, ist nicht sicher. "Wir haben das beste erste Quartal unserer Firmengeschichte", sagt BMG-Vorstand Rolf Schmidt-Holtz schon einmal wie vorbeugend. (Michael Donhauser, dpa) / (anw)