Die RĂĽckkehr der Schnelleronis

Eine alte Erkenntnis setzt sich langsam wieder durch: Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.

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Von
  • Peter Glaser

Als IBM und die kleine Firma Microsoft im November 1980 einen Vertrag über die Entwicklung eines Betriebssystems für den geplanten IBM-PC unterzeichneten, sah Bill Gates Sekretärin Miriam Lubow ihren jungen Boss eines Morgens in einem dreiteiligen Anzug ins Büro kommen. Gewöhnlich war Gates äußerst lässig gekleidet. Gelegentlich hatte er Pizzareste am T-Shirt und ständig verschmierte Brillengläser. Kurz darauf trafen drei Männer in Jeans und Tennisschuhen mit dicken Aktentaschen ein. Sie sagten, sie kämen von IBM. Die Ingenieure versuchten sich an Gates Stil anzupassen – und Gates sich an den ihren. Als sie sich in seinem Büro begegneten, fingen alle an zu lachen.

Veränderungen gehen in der digitalen Welt oft unerwartet und schnell vor sich – den Leuten von IBM sollte bald das Lachen vergehen. Was sich angesichts der schieren Größe des Unternehmens niemand hatte vorstellen können, geschah: IBM verlor die Marktführerschaft an seine Mitbewerber. Flankiert werden solche Veränderungen oft von ungewöhnlichen Ideen und trickreichen Geschäftsmethoden. Der immer wieder erfolgreich eingesetzten Strategie von Microsoft beispielsweise, Kunden durch Produktankündigungen vom Kauf von Konkurrenzprodukten abzuhalten, gab die Zeitschrift "InfoWorld" einen eigenen Namen: Vaporware. Heiße Luft.

In den 90er Jahren begann die Entwicklungsgeschwindigkeit von Produkten eine alles entscheidende Rolle zu spielen. GBF lautete das Motto des beginnenden Internet-Zeitalters – "Get Big Fast". Pionier war die Firma Netscape, von dem Studenten Marc Andreessen gegründet, der im April 1993 den ersten grafischen Internet-Browser ins Netz gestellt hatte und innerhalb kurzer Zeit ein paar Millionen Nutzer gewinnen konnte. Ein Markt, der mit Urknallwucht expandierte. Mit dem Börsengang von Netscape im August 1995 und einem raketengleich steigenden Aktienkurs kam ein neues Geschäftsprinzip zum Zug, nämlich sein Produkt zu verschenken. Beendet wurde der Versuch, auf dieser Idee eine neue Wirtschaftsform zu begründen – die "New Economy" – im Frühjahr 2000 mit einem Kollaps des Marktes für börsennotierte Technologie-Unternehmen.

Inzwischen hat die Welt sich um zehn Jahre und eine Web-Version (auf 2.0) weitergedreht. Manche meinen, dass die digitale Wirtschaft ebenfalls einen Zacken zugelegt habe: Nun werde nicht mehr das eigene Produkt, sondern die Produkte der anderen verschenkt. Labels und Musiker sehen ihre wirtschaftliche Existenz durch Filesharer gefährdet, die Tracks und Alben kostenlos verteilen. Verleger klagen, Google verschenke die Früchte ihrer Arbeit über parasitäre Aggregatoren wie Google News. Wissenschaftler und Autoren wenden sich gegen das überfallsartige Einscannen ihrer Werke bei Google Books.

Auch das Diktat der puren Geschwindigkeit ist wieder zurück, es heißt jetzt "Echtzeit-Strom". Einerseits werden unter diesem Rubrum Unzulänglichkeiten einer Technologie beseitigt, die noch in den Kinderschuhen steckt; das Ganze wird den Nutzern dann gern überhöht als Medienrevolution verkauft. Andererseits erfasst viele auch wieder der schiere Geschwindigkeitsrausch. "Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort", so das Motto der Schnelleronis, das Helmut Qualtinger bereits in den 50er Jahren prägte. Damals machte ein Film mit motorradfahrenden Jugendlichen Furore – "Der Wilde" mit Marlon Brando.

Wenn die Dinge digital beschleunigt werden, dann ist das vor allem auf der technischen Ebene profitabel und nützlich. Wer häufig einen Computer benutzt, ist nicht nur von lahmen Bootvorgängen, sondern auch von winzigen Verzögerungen genervt, sofern sie sich täglich viele Male wiederholen. Werden solche kleinen Bremspünktchen aus dem digitalen Alltag entfernt, bessert sich das Allgemeinempfinden des Anwenders. Auch bei Anbietern wie Google weiß man, welche große Rolle kleine Zeiträume spielen. Eine Studie ergab, dass Verzögerungen von 100 bis 400 Millisekunden bei der Anzeige von Suchergebnissen sich zu insgesamt 0,6% weniger Suchanfragen aufsummierten. Das scheint auf den ersten Blick wenig, wenn man die Zahl aber mit den Milliarden von Suchanfragen multipliziert, die Google abarbeitet, und vor allem den Anzeigen, die gleichzeitig eingeblendet werden, kommt man schnell auf einige zehn Millionen Dollar pro Quartal.

Die Jagd nach immer kurzatmigeren Neuigkeiten hat die ersten Firmen bereits veranlasst, die Bremsfallschirme zu öffnen. Nicht nur Wolfgang Büchner, Chef der Nachrichtenagentur dpa, sieht sich nach Pannen mit vorschnell veröffentlichten Meldungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten, zu einer sorgfältigeren und nötigenfalls langsameren Vorgehensweise veranlasst. Auch die Chefredakteure des NDR-Hörfunks und des Online-Ablegers der Süddeutschen Zeitung haben erkannt: Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.

"Im ĂĽbrigen", schreibt Lewis Mumford in seiner Kulturgeschichte der Technik, "ist der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschneiden, nicht erst unserer Zeit entsprungen und auch nicht an die ausschlieĂźliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden". Die alte Bezeichnung fĂĽr diese Form zentralisierter Kontrollmacht sei "BĂĽcherverbrennung". (bsc)