Die neue Welle auf den Orkney-Inseln
Die britische Regierung hat nach einem zweijährigen Auswahlverfahren Lizenzen für sechs Wellen- und vier Gezeitenkraftwerke in schottischen Gewässern erteilt. Zusammen sollen sie 1,2 Gigawatt Leistung bringen.
- Peter Fairley
Die britische Regierung hat nach einem zweijährigen Auswahlverfahren Lizenzen für sechs Wellen- und vier Gezeitenkraftwerke in schottischen Gewässern erteilt. Zusammen sollen sie 1,2 Gigawatt Leistung bringen.
Wer hierzulande an Schottland denkt, dem fallen meist immer noch raue, kahle Landstriche und Männer in karierten Röcken ein. Im Energiegeschäft gilt der Norden Britanniens hingegen schon lange als lukrativer Landstrich. Drei Jahrzehnte nach dem Run aufs Nordseeöl, der 1983 im Kino mit „Local Hero“ aufs Korn genommen wurde, soll nun eine neue Welle starten – im wahrsten Sinne des Wortes: Die britische Regierung hat nun nach einem zweijährigen Auswahlverfahren Lizenzen für sechs Wellen- und vier Gezeitenkraftwerke in schottischen Gewässern erteilt. Um die Orkney-Inseln herum angesiedelt, sollen sie zusammen eine Gesamtleistung von 1,2 Gigawatt bringen. Für einen Zweig der Erneuerbaren Energien, der bisher nur Pilotprojekte an den Start gebracht hat, wäre das ein gigantischer Sprung nach vorne.
„Die Branche wird jetzt erwachsen“, freut sich Martin McAdam, Geschäftsführer von Aquamarine Power in Edinburgh. Seine Firma hat sich gemeinsam mit dem Energieversorger Scottish and Southern Energy (SSE) ein 200-Megawatt-Feld gesichert. SSE ist in Großbritannien in der Erzeugung Erneuerbarer Energien derzeit die Nummer 1. 2013 wollen die beiden Unternehmen das Projekt starten.
Vor der schottischen Küste, wo Atlantik und Nordsee zusammen kommen, ist der Seegang wie geschaffen für die neuen Kraftwerkstypen. An der Westseite der Orkney-Inseln erreichen die Wellen im Jahresmittel eine Höhe von zwei Metern, in Extremfällen sind sie sogar an die zehn hoch. Nach Schätzungen des Carbon Trust aus London könnte Großbritannien zwischen 15 und 20 Prozent seiner Energie aus dem Meer beziehen. Folgerichtig ist das European Marine Energy Centre (EMEC) mit drei Standorten und einer Testanlage auch auf den Orkney-Inseln angesiedelt.
Sollte es gelingen, Meeresenergie dort im großen Maßstab zu gewinnen, könnte dies der Technik weltweit einen ähnlichen Schub geben wie die Windrad-Erfahrungen in Dänemark in den 1980ern der Windenergie. „Es gibt auf jeden Fall einen Weltmarkt sowohl für Wellen- als auch für Gezeitenkraftwerke, deshalb sind hier auch große Unternehmen eingestiegen“, sagt Amaan Lafayette, beim Energiekonzern E.ON für Entwicklungsprojekte in der Meeresenergie zuständig. E.ON konnte zwei der zehn schottischen Lizenzen für sich verbuchen.
Die technischen Schwierigkeiten sind aber nach wie vor beträchtlich. Vor allem muss die Technologie zeigen, dass sie reif für den Einsatz auf offener See ist. Danach sah es bislang nicht aus: So zerbrachen etwa 2007 im New Yorker East River die Glasfaser-Rotorblätter eines Gezeitenkraftwerks durch unerwartete Turbulenzen. 2008 musste dann Pelamis Wave Power an der portugiesischen Küste seine 750-Kilowatt-Seeschlange wegen technischer Probleme an Land holen.
Dass die Liste der technischen Probleme in der Branche noch lang sei, gibt EMEC-Direktor Neil Kermode unumwunden zu. Pelamis Wave Power mache aber „Riesenfortschritte“. Für E.ON baut die Firma derzeit die zweite Generation seines Wellenkraftwerks, das im Sommer am EMEC getestet werden soll. Das sei auch der Grund dafür, dass die Pelamis-Technologie für drei schottische Standorte vorgesehen sei, pflichtet E.ON-Mann Lafayette bei.
Er hält aber nicht nur die Technik, sondern auch die Umweltplanung noch für verbesserungswürdig. „Sie müssen für jeden Standort und jede Technologie eine eigene spezielle Umweltprüfung vornehmen“, sagt Lafayette. Erst in diesem Monat sei ein Gezeitenenergie-Projekt im walisischen Pembrokeshire, an dem E.ON beteiligt ist, gestoppt worden. Die britische Regierung hatte zuvor entschieden, dass Meeresenergie-Projekte in ein großangelegtes Umweltgutachten für die weitere Küstenentwicklung in Wales und England einbezogen werden müssten.
Martin McAdam ist aber zuversichtlich, dass das Wellenkraftwerk von Aquamarine Power, „Oyster“ genannt, robuster als andere Konstruktionen ist (siehe Bild). In der Oyster treiben die Wellen einen hydraulischen Kolben an, der Meerwasser unter hohen Druck setzt. Das wird dann an in eine Turbine an Land gepumpt. Der Vorteil: Es gibt weder einen Generator im Wasser noch Teile, die sich schnell bewegen müssen – alles potenzielle Fehlerquellen in der rauen Umgebung vor der Küste. Außerdem, so McAdam, sei die Oyster-Konstruktion für die marine Fauna und Flora schonender. Außer Aquamarine Power setzen alle anderen Ausrüster an den schottischen Standorten – OpenHydro, Marine Current Technologies und Hammerfest Strøm – auf Unterwasserturbinen.
(Bild:Â Aquamarine Power )
Seitdem der erste Oyster-Demonstrator im vergangenen Oktober am EMEC installiert worden ist, habe man noch kleinere Probleme mit Ventilen und der Pipeline behoben, sagt McAdam. Der Demonstrator hat eine Leistung von 315 Kilowatt, die kommerzielle Anlage, die Aquamarine derzeit baut, wird eine 2,5 Megawatt-Turbine haben. Sie soll ab 2011 am EMEC getestet werden.
Die größte Unwägbarkeit für die Branche sind aber nicht Technik oder Umweltverträglichkeit, sondern die hohen Baukosten. Die Projektentwickler an den Orkney-Standorten vertrauen darauf, dass die Meeresenergie-Anlagen dank der britischen Begünstigungen für Erneuerbare Energien profitabel werden. Das setzt aber voraus, dass sie auch zuverlässig im geplanten Umfang betrieben werden können.
„Schwierigkeiten macht uns im Moment die kapital-intensive Phase, in der wir Equipment installieren müssen, um zu zeigen, dass die Technik überhaupt funktioniert“, sagt McAdam. Er setzt deshalb große Erwartungen in eine eine Konferenz zu Erneuerbaren Energien, die Alex Salmond, Erster Minister der schottischen Regionalregierung, noch in diesem Jahr einberufen will. Auf der soll dann auch über weitere Mittel für die Meeresenergie beraten werden.
Eine Studie des kalifornischen Electric Power Research Institute (EPRI) kam 2005 jedenfalls zu dem Ergebnis, dass Wellen- und Gezeitenkraft zu vergleichbaren Kosten betrieben werden könnte wie Offshore-Windanlagen in den US-Bundesstaaten Hawaii, Kalifornien, Oregon oder Massachusetts. Mehr noch: Die USA mit ihren 20.000 Kilometern Küste könnten langfristig zehn Prozent ihrer Energie direkt aus dem Meer beziehen. Vielleicht sollte US-Energieminister Stephen Chu seinen nächsten Kurzurlaub einfach mal auf den Orkney-Inseln machen.
(nbo)