Das Spiel ist aus

Sportreporter sollen durch automatische Berichterstattung ersetzt werden. An das volle Ausmaß der Algorithmisierung aber wagt noch kaum jemand zu denken.

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Von
  • Peter Glaser

Sportreporter sollen durch automatische Berichterstattung ersetzt werden. An das volle Ausmaß der Algorithmisierung aber wagt noch kaum jemand zu denken.

Die US-Firma StatSheet.com will im Sommer ein Programm auf den Markt bringen, das automatisch Reportagen über College-Basketballspiele schreibt. Der Algorithmus wertet Spielstatistiken aus und kann aus Textbausteinen zusammengesetzte Artikel verfassen. Es werden keine großen Reportagen sein, eher Durchschnittsware – doch bei StatSheet ist man überzeugt, dass 90 Prozent der Leser glauben werden, dass der automatische Bericht von einem Menschen geschrieben wurde.

"Mein Idealspieler existiert nicht", sagte Otto Rehagel 1993, "Perfektion gibt es nur im Computer". Kommt nun der Ideal-Sportreporter? Die StatSheet-Entwickler fassen auch die Individualisierung des Nachrichtenstroms ins Auge. Reportagen sollen in unterschiedlichen Tonalitäten erhältlich sein, von zurückhaltend bis aufgedreht, vielleicht noch auf die jeweiligen Fans zugeschnitten. Besteht die Aufgabe von Journalisten in Zukunft darin, herauszufinden, was die Maschine nicht kann und diese Lücken zu nutzen? Werden sie die Putzerfische sein, die sich von den Resten der großen algorithmischen Schwärme ernähren?

Nicht überall sind Automaten und Aggregatoren so erfolgreich wie Google News. Die seit Anfang Januar 2010 aus einer Redaktion in eine automatisierte Nachrichtensammlung umgewandelte Netzeitung etwa gehört nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) in Deutschland mit einem Rückgang von knapp einem Fünftel an Nutzern zu den größten Verlierern der Nachrichtenbranche.

Aber die Fragestellung greift insgesamt zu kurz, denn nicht nur die Berichterstatter lassen sich nach und nach maschinell substituieren, sondern auch der Sport selbst. Es gibt eine Geschichte, in der Herr Diplomingenieur Düsentrieb ein Elektronengehirn erfinden soll, das Witze erzählt. Nachdem er damit fertig ist, fällt ihm im letzten Moment, ehe der Bürgermeister kommt, ein, dass er dem Gerät ja noch Witze eingeben muss. Leider sind es lauter Ingenieurswitze, die niemand außer ihm versteht. Gefrustet gehen die Honoratioren wieder nach Hause und Düsentrieb beschließt, sich ein eigenes Publikum zu bauen – drei Roboterköpfe, die das ganze Spektrum der Heiterkeit draufhaben. Das ist die Richtung.

Der anfälligste Kandidat für eine baldige Durchdigitalisierung des Sports ist der Schiedsrichter – es würde mehr Fairness und gerechtere Entscheidungen verheißen. Die Perfektion, die diese Art technischer Urteilsfindung nach sich zieht, trägt aber den Keim einer sonderbaren Art von Untergang in sich. Es ist ähnlich wie mit fahrerlosen U-Bahn-Zügen oder pilotenlosen Flugzeugen: Während die Ingenieure versichern, ein solches System sei weniger fehleranfällig als eines mit menschlichem Lenkpersonal, wenden sich Fahrgäste mit einer tiefinnersten Abneigung gegen das Märchen vom fliegenden Teppich, wenn es wahr zu werden droht.

Denn was der Maschine vor allem fehlt, ist die Möglichkeit zur Tragödie, die man die menschliche nennt. Keine Frage, digitale Maschinen bieten ein buntes Panorama an möglichen Fehlfunktionen: In den 70er Jahren beispielsweise hielt ein Computer des amerikanischen Raketen-Frühwarnsystems den aufgehenden Mond für anfliegende sowjetische Atomraketen und löste höchste Alarmstufe aus. Maschinen aber können nur Katastrophen verursachen, keine Tragödien. Die moderne Form der menschlichen Tragödie besteht darin, dass der Mensch in der Lage ist, seine Schwächen mit technischer Hilfe zu überwinden.

Denn für ein Spiel wie Basketball oder Fußball wäre diese Aufrüstung tödlich. Auch beim Stierkampf würde es schließlich keinen Sinn machen, der Modernisierung der Waffentechnik zu folgen und den Torero statt mit Tuch und Degen mit einer Maschinenpistole auszustatten. Steven Spielberg lässt im ersten Indiana Jones-Film in einer berühmten Szene die Klischees des spannenden Zweikampfs ins Leere laufen: Aus einer Menge tritt ein schwarz gewandeter Krieger und schwingt sein mächtiges Schwert. Aber Indi hat keine Zeit. Er zieht seinen Revolver und ballert den Gegner einfach um.

Daran sieht man: Allzu leichter Gewinn verdirbt die Freude am Spiel. William James sagte einmal, wenn das einzige Ziel des Fußballspiels darin bestünde, den Ball ins Tor zu bringen, dann wäre die einfachste Art zu gewinnen, den Ball in einer dunklen Nacht heimlich dorthin zu tragen. Werden die menschlichen Spieler auch aus dem Match verschwinden und irgendwann nur noch Roboter kicken, weil sie es inzwischen vielleicht auch besser, präziser, kraftvoller können als ihre biologischen Vor-Läufer? Erinnert sich noch jemand an den ersten Computer, der einen Schachweltmeister besiegt hat? Im Mai 1997 hatte der IBM-Computer Deep Blue im Rückspiel den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow bezwungen. Angesichts des Mythos von der sogenannten Künstlichen Intelligenz hätte etwas Einzigartiges, Erderschütterndes passieren müssen. Es passierte aber nichts. Ein paar Monate später stand Deep Blue in eine Lagerhalle in New Jersey und war mit Data Mining in Kundendaten befasst. (bsc)