Studie übt harte Kritik an Open-Source-Software
Die Kanadierin Michelle Levesque wirft einigen Open-Source-Entwicklern unter anderem "religiöse Verblendung" vor.
Michelle Levesque, Forscherin im Citizen Lab am Munk Centre for International Studies in Kanada, hat sich ein paar Monate lang mit Open-Source-Software beschäftigt und ist zu einem erschütternden Ergebnis gekommen: Wenn sich in einigen Bereichen nicht grundlegend etwas ändere, werde der größte Teil der Computernutzer künftig auf Open-Source-Software verzichten. "Um diesen Nutzern entgegenzukommen, müssen fünf Probleme wahrgenommen und gelöst werden", meint Levesque. Dies seien die Benutzeroberfläche, die Dokumentation, funktionszentrierte Entwicklung, selbstbezogene Programmierung und "religiöse Verblendung".
Über die vergangenen Monate habe sich Levesque in ein nicht näher benanntes Open-Source-Projekt vertieft. Sie bezeichnet sich nicht als Expertin, aber als "gut informiert". Levesque verzichtet auf eine Namensnennung, damit niemand mit dem Finger auf das Projekt zeigt. Dessen Benutzeroberfläche bezeichnet die Forscherin als Albtraum. Es sei nicht intuitiv zu bedienen. Sie habe Nutzer mit wenig Computererfahrung gesehen, die sich innerhalb von Minuten auf der Oberfläche von Mac OS X zurechtgefunden haben, während die gleichen Personen an KDE oder GNOME verzweifelt seien. Sie hätten sich darüber gewundert, warum sie sich mit einer derart "klobigen" Oberfläche beschäftigen sollen, wenn Windows XP wesentlich besser funktioniere.
Kaum ein gutes Haar lässt Levesque an der Dokumentation, die nur für Spezialisten verständlich sei. Dabei müsse ein Grundsatz sein, Dokumentationen sollten so geschrieben sein, dass auch Nutzer mit wenig Vorwissen bei Problemen weiterkommen. Open-Source-Programmierer seien anscheinend öfter der Meinung, wenn sie mit ihrem Produkt klarkommen, müsse dies auch für alle anderen Nutzer gelten. Dabei erstellen sie aber Programme für Programmierer.
Eine Voraussetzung, damit die Open-Source-Entwickler hinzulernen, sei, dass sie ihre "religiöse Verblendung" verlieren. Viele seien so von dem Prinzip der offenen Quellen überzeugt, dass sie nicht von den Vorzügen proprietärer Software lernen können oder wollen. Dabei gebe es auch unter Windows-Programmen welche, die vergleichbarer Unix-basierter Software überlegen sei. (anw)