Twitter gegen Entwickler

Der Kurznachrichtendienst tritt den einst so wichtigen externen Programmierern mit Konkurrenzangeboten auf die Füße.

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Von
  • Bobbie Johnson

Der Kurznachrichtendienst tritt den einst so wichtigen externen Programmierern mit Konkurrenzangeboten auf die Füße.

Es gibt da eine Frage, die eigentlich jeder Twitter-Kritiker seit dem Start des Web 2.0-Angebots im Jahr 2006 auf den Lippen hat: Wie zum Himmel soll der soziale Kurznachrichtendienst jemals Geld verdienen? Die "Chirp"-Konferenz in San Francisco, das offizielle Entwicklertreffen der Firma, verriet erste Ideen – darunter die Vermarktung von Werbung in der Twitter-Suchmaschine.

Das viel gehypte Start-up hat aber auch noch ein zweites Problem zu lösen: den Ärger, den man inzwischen mit den einst so loyalen externen Programmierern hat. Auf der "Chirp" gab es neben der neuen Reklametechnik auch noch die sogenannte "@anywhere"-Plattform zu sehen, mit der Twitter sich in andere Websites integriert. Auch bessere Geoortungssysteme waren ein Thema. Iain Dodsworth, Entwickler des populären Desktop-Clients "TweetDeck", meinte im Vorfeld der Konferenz, Twitter müsse sich auch endlich dazu äußern, wie das Werbesystem integriert werden solle. "Es muss eine Diskussion darüber geben, wie das in die Philosophie des "sei nicht böse" passt." ("Don't be evil" ist ein Spruch, den sich Twitter von Google abgeschaut hat.)

Es könnte allerdings schwer werden, die Entwickler davon zu überzeugen, dass alles so nett und freundlich bleibt, wie es lange Zeit auf der Twitter-Plattform der Fall war. Kurz vor der Entwicklerkonferenz zeichnete sich ab, dass das Unternehmen sich offenbar weg von seiner Funktion als dezentrale Plattform bewegt – hin zur Erstellung eigener Lösungen, die teilweise direkt mit Drittentwicklern konkurrieren.

Letzten Freitag gab es dazu zwei überraschende Ankündigungen. Zunächst meldete Twitter, man habe eine eigene Software für Blackberry-Smartphones geschrieben, die künftig kostenlos als "offizieller Twitter-Client" vermarktet werden soll. Kurz darauf folgte eine Nachricht, die für noch wesentlich mehr Wirbel sorgte: Twitter hatte Atebits übernommen, eine Firma, die mit "Tweetie" das aktuell populärste Twitter-Programm für iPhones verkauft.

Dessen Programmierer, Loren Brichter, soll nun bei Twitter arbeiten und aus Tweetie das offizielle "Twitter for iPhone" machen. In der Szene sorgte das für ein kleines Erdbeben – schließlich sind iPhone-Clients für Twitter seit Anbeginn ein gutes Geschäft für unabhängige Entwickler und zig verschiedene Programme erhältlich. Twitter hatte zuvor diesen Markt nicht beackert.

"Twitter hat gerade allen Entwicklern von Twitter-Clients für das iPhone mitten ins Gesicht geschlagen", hieß es von einem Programmierer in einem Entwicklerforum. Ein anderer stellte sein Programm, eine Applikation mit immerhin 50.000 Nutzern, aus Enttäuschung gleich bei eBay zum Verkauf ein. Twitter, so scheint es, will nun die wichtigsten Bereiche selbst bestimmen.

Ganz überraschend kommt der Schritt nicht. Bereits in der vergangenen Woche äußerte sich der bekannte Risikokapitalist Fred Wilson, mit Union Square Ventures einer der Top-Investoren bei Twitter und Mitglied des Verwaltungsrats, in diese Richtung. "Entwickler sollten damit beginnen, sich auf Innovationen zu konzentrieren", meinte er vielsagend. Das "Füllen von offensichtlichen Löchern" im Angebot des Kurznachrichtendienstes sei vermutlich nun abgeschlossen. "Die Zeiten sind vorbei. Wir müssen uns die Frage stellen, was Produkte und Dienstleistungen sind, die Twitter etwas völlig neues hinzufügen."

TweetDeck-Programmierer Dodsworth schlägt in die gleiche Kerbe. Er erhofft sich von Twitter nun eine klare Aussage, was die Entwicklergemeinde beisteuern soll und was nicht. Er selbst reagiert bereits und will weitere soziale Netzwerke in seine Software integrieren. "Ich glaube nicht, dass Twitter bald Facebook, LinkedIn, MySpace oder andere Informationsströme in sein Interface integriert. Deshalb sind wir noch gut unterscheidbar."

Helfen könnte Twitter auch, indem es seinen Entwicklern finanzielle Anreize gibt, etwa durch die Beteiligung an Werbeumsätzen. Doch auch hier wird die Firma anderen auf die Füße treten. Jan Schulz-Hofen, der das freie Twitter-Werbenetzwerk "Magpie" leitet, kann derzeit mit Millionen Nutzern punkten. Ob das so bleibt, ist unklar.

Trotzdem war er positiv gestimmt – jedenfalls vor der Ankündigung von Twitters Suchmaschinenwerbung: "Die Leute bei der Firma sind schlau und werden das Rad nicht neu erfinden." Er erwarte, dass etwas Neues und Bahnbrechendes auf den Markt komme, "das dem ganzen Ökosystem nutzt". Die nun vorgestellte Reklameform ist allerdings alles andere als innovativ – sie guckt von Google ab. Und auch einen weiteren Markt will Twitter bald selbst beackern: den der Versorgung geschäftlicher Nutzer mit Analyseinformationen. Firmen, die auf Twitter als Plattform setzen, müssen sich warm anziehen. (bsc)