Sind sie's oder sind sie's nicht?

Technischer Fortschritt oder Authentizität? Zeitmaschinen funktionieren - aber ganz anders als man sich das vorgestellt hat.

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Von
  • Peter Glaser

Wilfried hat Fernbedienungen. Noch nie so viele Fernbedienungen gesehen wie bei ihm. Er hat einen eigenen Servierwagen fĂĽr die ganzen Fernbedienungen. Es ist ein bisschen wie vor sicherheitsrelevanten Gerichtsverhandlungen, bei denen alle Beobachter ihre Mobiltelefone abgeben mĂĽssen und wo dann drauĂźen vor dem Verhandlungssaal eine PlastikschĂĽssel voller Handys steht, und ab und zu surrt oder klingelt eines, wie in einer Kiste frisch gefangener Fische, in der es noch manchmal zappelt.

Wilfried hat natürlich auch die zu den ganzen Fernbedienungen gehörenden Geräte. Dabei handelte es sich größtenteils um raffiniertes Musikequipment – ein Hinweis darauf, dass Wilfried audiophil ist. Er ist aber kein klassischer Audiophiler, der seine Röhrenverstärker, damit sie ideal gleichförmige Betriebstemperatur annehmen, erst einmal ein paar Tage eingeschaltet lässt und wartet, bis Frau und Kinder das Haus verlassen haben und keine Bodenershütterungen mehr zu erwarten sind, ehe er Musik hört. Wilfried ist digital audiophil.

Es ist ein paar Tage her, dass er mal ein paar Fernbedienungen aus dem Ferbedienungsberg auf dem Servierwagen gewühlt und ein paar der Musikgeräte aus ihrem schwarzen und silbergrauen Schlaf hatte erwachen lassen. Dazu machte er ein Gesicht, als habe er die Mona Lisa geklaut und würde sie mir nun zeigen. Er hatte zusammen mit Freunden, die er im Netz gefunden hatte, Beatles-Stücke quasi-remastert. Ein Fan-Projekt. Natürlich hatten sie keine Masterbänder, aber sie hatten die Aufnahmen von Schallplatte und CD durch ihre digitalen Klangwaschanlagen geschleust, sie geklärt, staubgestaugt, entknackt, entrauscht und neu ausgesteuert. Das Ergebnis war gleichermaßen beeindruckend wie schockierend.

Die Aufnahmen hörten sich tatsächlich an wie neu, aber nicht nur, als wären sie erst gestern gemacht worden, sondern auch, als hätten sie keinesfalls früher aufgenommen worden sein können. Der Modernität des Sounds war anzuhören, dass es ein Sound des 21. Jahrhunderts war. Es waren die Beatles und doch nicht, und dieser Höreindruck erzeugte in mir ein Gefühl der Zerrissenheit. Es war, als hätte jemand mit einer Zeitmaschine etwas aus meiner Vergangenheit geraubt – all die kleinen Beigeräusche beim Hören einer Beatles-LP, das Knistern und Agieren der Tonabnehmer-Nadel, die sich in die Erinnerung an eine bestimmte Zeit eingewoben haben.

Ich bin nun in zwei Gefühle zerrissen. Eines gehört den alten, authentischen Aufnahmen und der zu ihnen gehörigen Aufnahme- und Abspieltechnik. Dieses Gefühl ist auf der Seite der bewahrenden Tehnologie. Das andere Gefühl gehört der frischen Mischung, die einem, wie das oft durch die digitale Technologie der Fall ist, ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Wer hätte das gedacht: Es gibt noch Neues zu entdecken, wenn man alte Beatles-Stücke hört. (bsc)