Zeigt her eure Daten
Ist Google das AuĂźenministerium des Internet und bald der Gatekeeper der Gene?
- Peter Glaser
1986 hatte das Institut für Computerwissenschaft in Peking in Zusammenarbeit mit der Universität Karlsruhe das China Academic Network gestartet. Es war das erste öffentliche Computernetz Chinas. Im Mai 1994 ging der erste chinesische Webserver ans Netz und die bis dahin in Karlsruhe betriebene Verwaltung der Domain ".cn" wurde nach China transferiert. Zehn Jahre später überflügelte China die USA als weltweite Nummer Eins im Internet. Für chinesische User unter Fünfunddreißig ist das Netz heute die wichtigste Informationsquelle. Es berührt ihre Bedürfnisse – Wanglian etwa heißt die chinesische Form der Cyberliebe.
Seit Jahren versuchen auch die Schwergewichte der IT-Branche sich im Land der Mitte zu etablieren und sich mit der allgegenwärtigen Zensur zu arrangieren. NGOs wie Reporter ohne Grenzen werfen Unternehmen wie Google, Yahoo und anderen Hightech-Firmen schon lange vor, sich der systematischen Filterung von Inhalten zu unterwerfen. Routinemäßig blockiert die chinesische Zensurbehörde Abertausende von Webseiten. Das Land verfügt inzwischen über das weltweit umfangreichste und ausgeklügeltste System zur Netzsäuberung. In diesem Teil des Internet wird eine der entscheidenden Weichenstellungen der digitalen Welt stattfinden: Die chinesischen Behörden wollen unter Beweis stellen, dass das Netz durch umfassende Kontrolle als Herrschaftsinstrument nutzbar ist und erst in zweiter Linie – in bereinigter Form – als Informationsmedium.
Dem stellt Google sich nun entgegen. "Wir haben Hochachtung vor dem, was China als Land vollbringt", betonte Google-Geschäftsführer Eric Schmidt Ende Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos. "Wir mögen bloß die Zensur nicht. Wir hoffen, dass Verhandlungen oder Druck die Situation für die Menschen in China verbessert." Anfang des Jahres hatte Google angekündigt, die staatlich verordnete Zensur seiner chinesischen Suchmaschine aufzuheben. Da die chinesische Regierung mehrfach deutlich gemacht hatte, dass sie dieses Vorgehen nicht dulden werde, kommt das einem Rückzug des Unternehmens aus China gleich. Die chinesischen Anfragen werden nun auf Googles nicht zensierte Website in Hongkong umgeleitet. Dort werden zwar Suchtreffer zu kritischen Inhalten angezeigt, der Zugriff auf die Webseiten selbst ist jedoch gesperrt, da China das chinesische Netz weiterhin kontrolliert.
Hinter dem weitgehenden Rückzug stehen auch persönliche Gründe. Google-Mitgründer Sergej Brin, der 1979 mit seinen Eltern aus der Sowjetunion in die USA übersiedelte, fühlt sich an das totalitäre Regime seiner alten Heimat erinnert. China habe große Fortschritte etwa bei der Bekämpfung der Armut gemacht, sagte Brin in einem Interview mit dem Wall Street Journal. "Aber ich sehe in einigen ihrer Verhaltensweisen die gleichen Merkmale des Totalitarismus, besonders was die Zensur und die Überwachung von Andersdenkenden betrifft."
Sich selbst lässt die Leitung des weltgrößten Werbevermarkters (26 Milliarden Dollar Umsatz mit Online-Textanzeigen) allerdings auch nicht immer gern in die Karten schauen. Als der Nachrichtendienst Cnet im Frühjahr 2005 – ergoogelte – Informationen über Google-Geschäftsführer Eric Schmidt veröffentlichte, wurde das mit einer drastischen Nachrichtensperre beantwortet. Ein Jahr lang erhielten Cnet-Mitarbeiter keinerlei Auskunft mehr von Google.
Was vielen Netznutzern inzwischen Sorge bereitet, sind nicht die einzelnen Datenkleckse, die man da und dort hinterlässt. Es sind die künftigen, machtvollen Möglichkeiten ihrer Zusammenführung – die Angst, dass Google die Kontrolle über Teile unserer Zukunft übernimmt. Mit Hilfe neu entwickelter Techniken wie der DNA-Analyse können heute beispielsweise Jahrzehnte zurückliegende Kriminalfälle gelöst werden. Noch weiß niemand, welche Möglichkeiten der Datenerschließung in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen werden und in welchem Ausmaß wir durch sie verraten und verkauft werden können – auch wenn wir gar nichts Unrechtes getan haben.
Manchmal reichen schon wirtschaftliche Probleme, um den Schutz hochsensibler Datenbestände aufzuheben. Vor zwei Jahren stieg Anne Wojcicki, die Ehefrau von Sergej Brin, in das Geschäft mit privaten Gentests ein. Für 1000 Dollar und eine Speichelprobe kann man sich von ihrer Firma 23andMe die eigenen Gene durchsuchbar machen lassen. Zur selben Zeit wie 23andMe startete die isländische Firma deCODEme ein gleichartiges Angebot. Im November 2009 musste das an der amerikanischen Technologiebörse NASDAQ notierte Unternehmen Insolvenz anmelden. Was nun mit den vorhandenen DNA-Daten von deCODEme passiert, ist unklar – möglicherweise werden die persönlichen Daten im Zuge des Insolvenzverfahrens versteigert.
(bsc)