Netzopposition gegen DSDS

Kampf um Charts-Spitze: Im Internet hat sich eine Opposition gegen den DSDS-Gewinner Mehrzad Marashi gebildet. Ăśber soziale Netzwerk rufen Gruppen zum Kauf der Songs anderer Musiker auf, um den Hitparadenerfolg des Hamburgers zu verhindern.

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  • dpa

Musik-Downloads als "Kampfmittel": Jimmy Page von Led Zeppelin und Jasmin Wagner alias BlĂĽmchen sollen mit Mehrzad Marashi, dem Gewinner der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar " (DSDS), um die Spitze der Charts konkurrieren.

DSDS-Gewinner Mehrzad Marashi

(Bild: RTL)

Hinter der Aktion stecken mehrere Gruppen in den sozialen Netzwerken Facebook und StudiVZ . Sie haben dazu aufgerufen, einen Erfolg des DSDS-Gewinners zu verhindern. "Es geht in keinster Weise gegen Mehrzad", sagt Martin Kesici, einer der Protagonisten der Aktion. "Es geht um das System dieses Wettbewerbs." Er hat Erfahrung mit Casting-Shows, gewann er doch 2003 die Show "Star Search" (Sat1).

Aber funktioniert diese Form des Widerstands? Die Briten, musikalisch oft Vorbild für Kontinental-Europa, haben es vorgemacht. Ende vergangenen Jahres schafften es einige Kritiker der DSDS-ähnlichen Show "The X-Factor", das alte Stück "Killing In The Name Of" der amerikanischeen Rocker von Rage Against The Machine zu Weihnachten an die Spitze der britischen Hitparade zu führen – anstelle des Casting-Show-Gewinners. Sie hatten zum massenhaften Online-Kauf aufgerufen.

Das ist wie ein "Turbolader" für die eigene Meinung, erläutert der Bremer Netzwerkexperte und Psychologe Peter Kruse. Grundsätzlich sei das nicht anders als in Vor-Internet-Zeiten, sagt er. Aber es habe eben doch eine andere Qualität, es sei nicht so leicht kontrollierbar. "Das Netzwerk verstärkt manchmal sogar mehr, als derjenige, der sendet, gewollt hat." Das gelinge aber nur so lange, wie die anderen Nutzer an die Authentizität solcher Aktionen glauben. Daher sei es ausgeschlossen, wenn etwa Musikfirmen versuchen wollten, selbst mit solchen Gruppen Einfluss zu nehmen.

So gibt es in den Foren der Sozialnetzwerk-Gruppen auch Diskussionen darum, ob nur für "Stairway To Heaven", oder auch für "Boomerang" geworben werden soll. Auf jeden Fall können sich jetzt sowohl Jasmin Wagner als auch die reifen Herren von Led Zeppelin über einen unerwarteten Geldsegen freuen. "Wir haben absichtlich keinen aktuellen, deutschen Musiker ausgewählt." Kesici sieht es ganz idealistisch: "Wir wollen, dass die Kids verstehen, dass Musik Leidenschaft ist, und nicht wegen einer Casting-Show die Lehre abbrechen, bei der sie am Ende mit einem Produzenten und einem Label zusammenarbeiten sollen." Dass ein wenig Promotion für sein Buch "Sex, Drugs & Castingshows" dabei abfällt, nimmt Kesici sicher gern in Kauf…

Das Marktforschungsunternehmen Media Control, das am Montagabend die offiziellen Charts veröffentlicht, spricht von einem "spannenden" Kampf. In den vergangenen Jahren hatten die DSDS-Gewinner in Deutschland mit ihrer ersten Single jeweils einen Nummer-Eins-Hit gelandet. "Es wird für Mehrzad eine sichere Fahrt auf Platz eins werden", ist sich der Sprecher von Mehrzads Plattenfirma Sony Music , Sebastian Hornik, sicher. Zugleich sagt er: "Wir sehen das entspannt und sportlich." Grundsätzlich sei es doch gut, wenn über Musik bei den Fans diskutiert werde – "dafür ist das Internet die perfekte Plattform."

"Der Schneeball-Effekt ist hier extrem einfach zu erzeugen", meint auch Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut , der unter anderem über Jugendliche und deren Nutzung des Web 2.0 forscht. Er erinnert jedoch daran, dass es sich hierbei um relativ flüchtige Zusammenschlüsse handle. Andererseits – einen großen Erfolg für einen Musiker aus dem "Nichts" zu erschaffen, sei früher großen TV-Unterhaltungssendungen wie "Wetten, dass…?" vorbehalten geblieben. "Das ist neu, das kann aber auch beängstigend sein."

Die Gruppen-Gründer bei Facebook und StudiVZ versuchen, gegen das Flüchtige anzukämpfen; sie sehen nach den Media-Control-Kriterien bessere Chancen für die nächste Charts-Auswertung – unbedingt sollten die Menschen bis zum 29. April einkaufen. Denn beim ersten Versuch seien sie zu spät eingestiegen, um in die komplette Auswertung zu kommen. Es soll keiner an ihrem Willen zweifeln. "Don't believe" (Glaub' es nicht) heißt schließlich der Song von Mehrzad. dpa / (uk)