Technophobie-Forscher: Konsumtechnik hui, Großtechnik pfui

Ortwin Renn, Experte für Technikentwicklung, hat die Technikfeindlichkeit der Deutschen vermessen.

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Wie technikfeindlich ist Deutschland? Ortwin Renn, Experte für Technikentwicklung am Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung und Ordinarius für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart, hat die vermeintliche Technophobie im Land vermessen. Das Ergebnis ist ganz anders, als Pessimisten erwarten. "In der Konsum- und Alltagstechnik sind wir Deutschen geradezu technikeuphorisch", sagte Renn im Interview mit Technology Review (die aktuelle Ausgabe 5/2010 von TR ist seit dem 29.4. am Kiosk oder portokostenfrei online hier zu bestellen ).

In keinem Land außer Luxemburg verfügten die Haushalte über so viel Technik, sagt Renn. "Von einer Akzeptanzkrise für Staubsauger, Hifi-Anlagen, MP3-Player oder Laptops kann nirgendwo die Rede sein." Auch bei der Technik am Arbeitsplatz seien die Deutschen weltweit führend – nur so könne auch hier die Arbeitsproduktivität so hoch gehalten werden. "Arbeitnehmer nutzen neu eingeführte Technik von Anfang an intensiv – ein deutliches Zeichen für hohe Akzeptanz." Probleme gebe es dagegen bei einer Reihe von Großtechnologien: "Vor allem Kernkraftwerke oder große Infrastrukturmaßnahmen, etwa Flughafenausbau."

Inkonsistenzen entstünden immer dort, wo externe Techniken gebraucht werden, um positiv bewertete Konsumtechniken herzustellen, so der Forscher. "Besonders ausgeprägt finden wir diese Inkonsistenz beim Mobilfunk. Ja zum Handy, nein zum Antennenmast!" Er habe schon selbst miterlebt, wie Demonstrationsteilnehmer gegen eine Mobilfunkantenne mit Hilfe ihrer Handys Gleichgesinnte mobilisieren wollten. "Der Sozialpsychologe Christian Röglin hat das auf die einfache Formel gebracht: Wir lieben die Produkte der Industriegesellschaft, hassen aber die Art, wie sie hergestellt werden", so Renn.

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(bsc)