Die Durchgoogelung der Welt
Google zeigt mit seiner ebenso innovativen wie aggressiven Vorgehensweise immer wieder, wo die Gemeinschaft versagt.
- Peter Glaser
Im Mai 1998 wurde über das Internet eine gefälschte Pressemeldung verbreitet, der zufolge die Firma Microsoft einen unterirdischen Atomtest durchgeführt habe, um die damals laufenden Gespräche mit dem US-Justizministerium über ein mögliches Antitrust-Verfahren "in die richtige Richtung zu lenken". Ende März 2010 meldete der TechCrunch-Chefblogger Michael Arrington, Google habe eine Firma gekauft, die über eine neue Technologie zur Uran-Anreicherung verfüge. Die Akquisition sei Teil der "Google Green Initiative" und das Unternehmen sei bestrebt, kleine, hocheffiziente Kernkraftwerke zu entwickeln. Einem Sprecher der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge habe man bei Google bereits mit dem Bau einer Uran-Anreicherungsanlage begonnen.
Auch wenn das Datum auf einen Aprilscherz hindeutete – ganz sicher kann man sich in diesen Dingen bei Google nicht mehr sein. Zu groß ist das Unternehmen inzwischen geworden, zu vielfältig die Aktivitäten – von der milliardenschweren Dominanz auf dem Online-Werbemarkt über einen Fächer von Netzdiensten bis zum Energiehandel: Eine von Google Energy beantragte Zulassung als Stromhändler wurde im Februar 2010 von der zuständigen US-Regulierungsbehörde genehmigt. Google ist nun tatsächlich im Energiegeschäft.
Das Unternehmen hat inzwischen weltweit mehr als 24.000 Mitarbeiter, die ihre vielfältigen Aktivitäten mit zum Teil bemerkenswerter Vehemenz entfalten, etwa bei dem Digitalisierungsprojekt Google Books. Als zudringlich empfinden viele auch die Kamerafahrzeuge von Google, die derzeit deutsche Städte systematisch abfotografieren. Wie sich herausgestellt hat, werden dabei im Vorbeifahren auch die Funknetze in den befahrenen Gebieten registriert. Was Google mit seiner ebenso innovativen wie aggressiven Vorgehensweise auf jeden Fall immer wieder mühelos schafft: Die Firma zeigt, wo die Gemeinschaft versagt – aus Bequemlichkeit, Geiz oder Unentschlossenheit.
So hat erst die Provokation durch Google Books die EU dazu veranlasst, endlich mehr als nur eine symbolische Summe für eine eigene Digitalisierungs-Initiative – die Europeana – in die Hand zu nehmen. Auch zu Googles "Street View" gibt es Alternativen wie das Open Source-Projekt "OpenStreetMap". Statt sich in Angstdebatten zu verlieren, wäre es konstruktiver, ein solches Projekt zu fördern und eine digitale Öffentlichkeit zu entwickeln, die es mit der Leistungsfähigkeit von Google aufnehmen kann. Am Ende würden dann Qualität und ein vielleicht sogar besseres Konzept entscheiden, weil alle mitmachen.
Das Engagement auf dem Energiesektor eröffnet übrigens für Google offenbar auch einen Weg aus den Problemen, mit denen das Unternehmen in China kämpft. Nach Hackerangriffen und Zensurblockaden ist Google gerade dabei, seine IT-Aktivitäten in China aufzugeben. Die Büros in Peking und Shanghai und die Entwickler und Ingenieure sollen aber weiter aktiv bleiben – sie werden künftig für Projekte zur Produktion umweltfreundlicher Energie für den chinesischen Markt eingesetzt.
(bsc)