Eine eigene Nummerngasse für Voice-over-IP
VoIP-Anbieter fordern 032-Rufnummern und Bitstream Access, um den ihrer Ansicht nach boomenden Markt mit neuen Diensten versorgen zu können.
Eine rasche Entscheidung des Regulierer für neue 032-Rufnummern und gegen die Zwangsbündelung von DSL und Telefonanschluss haben unisono deutsche Voice-over-IP-Anbieter gefordert. Der Zwang, auch dann noch die Telefonleitung beim Rosa Riesen zu bezahlen, wenn der DSL-Zugang beim Telekom -Wettbewerber gekauft wird, werde vollends unsinnig, wenn der Kunde dazu einen VoIP-Anschluss mit Rufnummer und allem Drum und Dran bestellt, hieß es beim Roundtable des Electronic Commerce Forum (eco). Notwendig seien die im neuen Telekommunikationsgesetz vorgesehenen Bitstream-Access-Produkte auch aus Qualitätsgründen. Auf den aktuellen DSL-Vorprodukten der Telekom sind, so die Klage der Anbieter, höherwertige VoIP-Dienste nicht immer realisierbar.
"Aus unserer Sicht ist genau jetzt der Markt reif für VoIP", sagte Ole Wegner, bei Freenet.de für das "Iphone"-Angebot zuständig. Die Sprachqualität, mit der es noch bei der ersten VoIP-Welle vor einigen Jahren haperte, sei da. Bei den Endgeräten hätten die Hersteller nachgezogen, der Kunde könne zu Ciscos WLAN-Mobiltelefon greifen oder aber ganz einfach über eine Box sein altes analoges Telefon IP-fähig machen.Vor allem aber stimmt, meinte Wegner, aus Kundensicht auch der Preis. Sowohl bei Freenet als auch beim diese Woche gestarteten 1&1-VoIP Angebot kostet das Gespräch ins Festnetz gerade mal noch ein Cent pro Minute. Ganz dringend sei für die VoIP-Anbieter jetzt ein klares Wort des Regulierers zur VoIP-Rufnummernvergabe, und besser heute als morgen die schon geplante neue Rufnummerngasse für innovative Dienste freizugeben.
Bei der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation (RegTP) will man mit der Einführung der 032-Nummern aber noch das Ende der Konsultation abwarten, die man im Frühjahr gestartet hat. Ein genaues Datum mochte Friedhelm Dommermuth, Direktor bei der Regulierungsbehörde, nicht nennen. Mitte Oktober plant die Regulierungsbehörde ein großes VoIP-Forum. "Da sollte es erste Richtlinien geben", versprach er. Wie groß die Aufbruchstimmung im Markt sei, zeige die regelrechte "Massenbewegung" an VoIP-Anhörungsverfahren in Europa, sagte Dommermuth. Auch in Großbritannien, den Niederlanden und Irland laufen Konsultationen. Die EU Kommission erwartet Antworten der Markteilnehmer ebenfalls noch bis 31. August.
In Deutschland haben 60 Unternehmen, Verbände wie eco und Behörden auf den langen Fragenkatalog der RegTP reagiert. Eine der zentralen Fragen, die der Regulierer klären will, ist die Einordnung von VoIP als Telekommunikationsdienst oder öffentlich zugänglicher Telefondienst. Damit sind verschiedene Rechte und Pflichten verbunden, angefangen von der Portabilität der Rufnummern bis zu Überwachungsmöglichkeiten und Notrufeinrichtungen. "Unser Ziel ist dabei nicht eine umfassende Regulierung mit all den negativen Konotationen von Regulierung. Vielmehr wollen wir ein System etablieren, in dem sich die Marktkräfte frei entfalten können." Bei seinen US-Kollegen von der Federal Communications Commission (FCC), die sich intensiv mit VoIP beschäftigt, beobachtet der deutsche Regulierer eine widersprüchliche Haltung. Die Notruffähigkeit, die häufig als regelrechte Killerproblematik genannt werde, sollte sie für VoIP zur Pflicht werden, und die Fragen der inneren Sicherheit würden sehr betont, andererseits aber wolle man den IP-Markt so wenig wie möglich regulieren.
Aber grundsätzlich unterscheidet sich die Haltung der deutschen Regulierer eigentlich nicht. Vor allem mit der Aufhebung des Ortsbezugs der Rufnummern durch VoIP-Dienste, die gerade auch durch die Mobilmöglichkeiten bestechen, kann sich die Behörde nicht so recht anfreunden. Hier laufen noch immer Anhörungen von Anbietern wie Sipgate und Nikotel. "Aber der geografische Ortsnummernbezug, das war gestern," sagte GMX-Chef Joachim Hofmann. Joe McNamee, Berater beim Consultingunternehmen Political Intelligence und Autor einer Studie der EU-Kommission zur Konvergenz der Netze, betonte, Politik und Regulierer müssten sich die Frage stellen, "inwieweit das existierende geografische Nummerierungssystem mehr wert sei als die grenzenlosen Möglichkeiten von VoIP". Die so genannte Technologie-neutrale Regulierung fuße letztlich eben doch auf alter Technologie. "Die Welt ist nicht so schön wie das Diagramm der RegTP", lästerte McNamee.
Ganz hart ins Gericht mit Politik und Bundesregierung ging QSC-Vorstandsvorsitzender Bernd Schobohm. Den DSL-Markt habe man in Deutschland schlicht der Deutschen Telekom überlassen; und die potenzielle Alternativ-Infrastruktur Kabelnetz habe man Private-Equity-Firmen einsammeln lassen. Hätte die Politik früher reagiert, könnte man längst ADSL2 oder ADSL2Plus haben. "Jetzt verlieren wir wieder Zeit mit einem Fragebogen, anstatt schnell neue Nummern einzuführen; und hinterher müssen wir wieder Dinge aufräumen, die sich bei rascherer Reaktion hätten verhindern lassen." (Monika Ermert) / (jk)