Der soziale Netzkrieg
Lifestreaming und Echtzeit prägen zunehmend das Online-Erleben. Die Gegenwart nimmt uns gefangen - und die Internet-Riesen bemühen sich um Anschluss.
- Peter Glaser
Wissenschaftler der University of California konnten bereits 2005 zeigen, dass sich soziale Online-Beziehungsgeflechte auch zur Spam-Bekämpfung nutzen lassen. Die Methode basiert darauf, dass die allermeisten Spam-Opfer sich untereinander nicht kennen. Mit dem Beziehungsfilter lassen sich gut die Hälfte aller eingehenden Mails zuverlässig zuordnen und der Werbemüll entsprechend reduzieren.
Ein ähnlicher Ansatz könnte zu den Kernmotiven für die Firma Google gehören, die sich – anders als beispielsweise Apple – nun auch massiv auf dem Gebiet des Social Networking und der Echtzeit-Ereignisse engagieren will. Googles Versuche mit dem Freunde-Netzwerk Orkut waren, außer in Brasilien und in Indien, bisher nicht besonders erfolgreich. Für die Suchmaschinenbetreiber geht es dabei inzwischen nicht mehr nur um die interessanten Daten, die zwischen Online-Bekanntschaften anfallen, sondern noch um etwas ganz anderes.
Suchmaschinen-Optimierer (SEOs) nämlich sind extrem unglücklich mit der "sozialen" Echtzeit-Suche – worüber man wiederum bei Google erfreut ist. Die Attraktivität der Suche zu verbessern, ist oberstes Ziel des Unternehmens, während SEOs ständig daran arbeiten, das Ergebnis-Reinheitsgebot zu umgehen. Statt einen Kundenlink wie bisher längerfristig in die obersten Ränge einer Ergebnisseite verschieben zu können, tauchen nun, manchmal nur ein paar Sekunden lang, die Trendbegriffe aus dem Lifestream in der "sozialen Suche" auf. "Der Kampf um die Spitzenplätze wird wesentlich härter werden", sagt Peter Young von der SEO-Company Holistic Search, "aber die schiere Menge an Datenverkehr, die ein solcher Trendbegriff mit sich bringt, könnte sogar 30 Sekunden Sichtbarkeit profitabel machen".
Das Gerangel um den Lifestream wird mit zunehmend härteren Bandagen geführt. Dinge, wie die ungefragte Freischaltung von Nutzerprofildaten auf Facebook oder die Zwangsteilnahme an dem neuen Google-Dienst Buzz für 170 Millionen Gmail-Nutzer, werden zunehmend als dreiste Menschenversuche wahrgenommen, von Ingenieuren oder Marketingmenschen veranlasst, die sich nicht vorzustellen vermögen, dass jemand sich anders verhalten könnte als in ihren Nutzerszenarios vorgesehen.
"Früher gab das Prüfen und Testen einer Erfindung genügend Zeit nicht nur zur Überwindung der ihr anhaftenden Fehler, sondern auch, um die Gemeinschaft darauf vorzubereiten", schrieb Lewis Mumford 1974 in seinem Klassiker "Mythos der Maschine", "Heute stehen wir genau der umgekehrten Situation gegenüber. Hindernisse solcher Art wurden niedergerissen; und das jüngste technische Projekt verlangt, anstatt sich bewähren zu müssen, bevor es anerkannt und akzeptiert wird, von der Gesellschaft um jeden Preis sofort übernommen zu werden; jedes Zögern gilt als sträflich, oder ... als kulturelle Rückständigkeit." (bsc)