Wolke oder Teppich?
Cloud Computing hat Konjunktur - und Japans Elektronikkonzerne sind bei ihrer Bildung ganz vorne mit dabei. Doch bei Licht betrachtet droht die Wolke eher zu einem digitalen Teppich zu werden, unter den wir Datenmüll kehren können.
- Martin Kölling
Vor einer Woche hat eine Fotoausstellung einer kolumbianischen Fotografin hier in Tokio mich zum Skeptiker gemacht. Bei den Bildern der Frau handelte es sich um wie zu Urgroßvaters Zeiten komponierte Portraits von einzelnen Kolumbianern oder dortigen Familien in ihren Wohnzimmern. Hier steht mal der Familienkanarienvogel mit im Bild, da wird ein Fenster dekorativ als Landschaftsgemälde im Foto eingebaut. Aber es gibt keinen Raum für Spontaneität, für Bewegung – die Welt ist abgebremst, eingefroren, sie steht still. Und doch habe ich aus den Bildern mehr über das Land gelernt als aus den bunten, bewegten Straßenszenen, die andere Dokumentaristen liefern.
Wieder daheim beim Blick in meinen Google-Mail-Ordner, den ich erst kürzlich auf 80 GB erweitert habe, schoss mir unwillkürlich durch den Kopf, wie kraftvoll die Reduktion, wie schwach aber die Masse ist. Und ich dachte daran, wie Google mich mit der Verheißung des Digitalzeitalters, die mit dem Cloud Computing gerade in ihre nächste Entwicklungsstufe gehoben wird, hereingelegt hat. Nie mehr Mails löschen müssen, hat der Internet-Riese gesagt und ich habe mich auch dankbar daran gehalten. Denn täglich bis zu 150 Mails, von denen 90 Prozent zwar nicht Spam, aber unwichtig sind, zu löschen oder gar alte Mails daraufhin zu durchforsten, ob man sie wirklich noch braucht, kostet Zeit.
Und ich dachte: Himmel, sicher sieht die digitale Datenspeicherung bei vielen Menschen aus wie bei mir, oder besser wie in Neapel beim Streik der Müllabfuhr. Hier rotten Dateien, dort stinken Programme, und da hinten vergilben wachsende Berge an digitalen Zeitungsausschnitten und Fotos. Nichts wird weggeworfen, frei nach dem Motto: "Man weiß ja nicht, wann man es noch mal brauchen könnte." Wozu auch, mehr Speicher – ob als Festplatte oder in der Wolke – ist ja soooo praktisch und kostet ja praktisch auch nichts.
Und so setzt unweigerlich eine exponentielle Vermehrung des Datenmülls ein. Denn meiner Erfahrung nach ist es ein Naturgesetz, dass sich leere Räume füllen. Und das Schlimmste: Mit dem Cloud Computing wird auch ein radikaler Neuanfang erschwert, weil das virtuelle Gegenstück zum analogen Hausbrand, der Festplattencrash, uns nicht einmal mehr auf ein Tabula Rasa hoffen lässt. Stattdessen speichern wir Müll doppelt oder dreifach abgesichert verteilt über zig Datenzentren für die Ewigkeit, an deren Ausbau an vorderster Front sich beispielsweise Fujitsu, NEC und Hitachi IBM gegenseitig den Markt abjagen wollen. mitwirken will. Aber auch andere Elektronikkonzerne werfen mit Macht "Solutions" für die Wolke auf den Markt, und verstärken damit den Reiz, sie zum digitalen Teppich zu machen, unter den wir – weil's so einfach ist – unseren Datenmüll kehren.
Zu dumm: Nur klüger fühle ich mich nicht, obwohl ich alles behalte. Vielmehr beschleicht mich das Gefühl: Wir ertrinken im Ballast der Belanglosigkeiten – und zudem werden wir blöd. Wieso? Das ganze Digitale ist eine Verführung zur Faulheit, auch zur geistigen. Hingegen erziehen ein reales Regal, ein real existierender Keller zur Beschränkung, der Fokussierung auf das Wesentliche, Anstachelung der Kreativität und Schärfung des Geistes. Denn wenn das Regal oder der Keller voll sind, muss man entrümpeln, wegwerfen, innovativ mit eingefahrenen Verhaltensweisen brechen, schließlich ist Ausbau von Regalen und erst recht der von Häusern doch recht teuer. Und für die Säuberung muss man strategisch über die eigenen Prioritäten nachdenken, schnelle Entscheidungen treffen und entschlossen handeln.
Offenbar teilen auch Cloud-Computing-Experten meine Befürchtung. Ein Herr Wolfgang Horak, Senior Vice President SEE bei Fujitsu Technology Solutions fordert ein Umdenken: Cloud Computing, so sagte er kürzlich in einem Pressetext, werde oft als Allheilmittel der Green-IT gehandelt. "In unüberlegter Form kann es jedoch genau den gegenteiligen Effekt erzielen und IT-Kosten steigern, den Energieverbrauch sowie den CO2-Footprint auf Grund der additiven Netzbelastung zusätzlich erhöhen und Datenschutzprobleme verursachen." Und um das zu vermeiden, plädiert er für just jene Rezepte, die ich beim Wegwerfen erwähnt haben: strategische Planung und intelligente Anwendung.
Ich versuche, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen, und habe mir vorgenommen, zu entschleunigen und mir die Zeit zu nehmen, alle unwichtigen Mails, Bilder und Dateien regelmäßig zu löschen. Und ich fühle mich gut dabei. Aber ich weiß auch, wie viel Disziplin es erfordert, dies dauerhaft durchzuhalten ist. Schließlich: Neuer Speicherplatz, er kostet ja fast nichts. Und ich befürchte, dass nicht nur ich so fühle. Also ist es mit Appellen nicht getan. Warum, bitte schön, kann nicht einmal jemand einen Mechanismus erfinden, der unsere digitalen Speicher das Unwichtige vergessen lässt, anstatt nur die Suchsysteme immer weiter zu verbessern?
(bsc)