Klartext: Wind ohne Schild

GrundsĂ€tzlich ist der Gedanke verstĂ€ndlich: "Ich baue eine große Scheibe an das Motorrad, schließlich haben das Cabrios auch." Doch das Cabrio fĂ€hrt man ohne Helm, und mit Helm funktionieren diese riesigen Tourenscheiben einfach nie besonders gut

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Klartext
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Inhaltsverzeichnis

Einer der schönsten Aspekte des Reisens auf dem Motorrad ist die schnelle Bewegung durch das Medium Luft. Du fĂ€hrst ĂŒber eine brĂŒtend heiße Hochebene. Die Luft kommt wie aus einem Fön. Sie riecht nach Staub und Steinen. Kurz darauf wirft sich die Straße durch ein kĂŒhles Tal im Wald. Die Luft ist dichter. Es riecht nach Pflanzen in allen Stadien ihres Kreislaufs von Werden und Verfallen. In der Luft schweben noch gröbere Dinge als GerĂŒche.

Am Ende eines Tages im Sattel kann ich Dieselruß, Pollen oder Steinstaub aus meinem Gesicht schaben. Flugsamen stecken im Helmpolster. Steine fallen von oben oder ein Vorfahrer wirbelt sie dir in die Durchflugzone. Insekten spraddern auf die Jacke. Wenn Leute mir empfehlen, ich solle doch nur noch Rennstrecke fahren, denke ich immer: Den Luftwandel wĂŒrde ich beim Kreise fahren schon vermissen, zusammen mit den anderen Aspekten der Fortbewegung durchs kurvige Hinterland.

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Den Anlass zu diesen Gedanken gab das scheußlich funktionierende Windschild der KTM 790 Adventure. Zu diesem Krad demnĂ€chst ein Test und vorab den Tipp: Montieren Sie wie bei den VorgĂ€ngern gleich das kleine Schild der Adventure R.
(Bild: Clemens Gleich)

Die Erfahrung der Luft ist recht subtil. Ein Windschild macht sie schon zum großen Teil zunichte. Deshalb unterscheidet sich das Cabriofahren selbst geradeaus so sehr vom Motorradfahren, dass im abschĂ€tzigen Spruch „da kann ich ja gleich ein Cabrio fahren“ gegenĂŒber Touren-Fulldressern ein Körnchen Wahrheit steckt.

Wenn Hersteller dem Touring-Publikum ein Windschild bauen, dann stellen sie dieses sehr steil und hoch, damit es bei den typisch niedrigen Geschwindigkeiten kurviger Strecken den Wind möglichst vollstÀndig vom Fahrer abhÀlt. Das funktioniert jedoch bei schneller Fahrt nicht mehr so gut. Hohe, steile Windschilder erzeugen an der Oberkante einen Abrisswirbel, der aus dem ebenso unangenehmen Unterdruck hinter dem Schild resultiert. Der Abrisswirbel hÀmmert gegen den Helm. Der Unterdruck zieht den Kopf nach vorne.

Die Hersteller reagierten. Windschilder sind heute funky geformt und hinterlĂŒftet, damit der Wirbel sich in Grenzen hĂ€lt. Die Physik bleibt jedoch erhalten: ein steiles Schild wird wirbeln. Um bei einem steilen Windschildwinkel genug Luft dahinter zu kriegen, dass Verwirbelungen und Unterdruck klein genug werden, mĂŒssten die Hersteller ein Loch hineinfrĂ€sen, und dann hĂ€tte es sich mit dem Thema Schild gegen Wind. Ich kenne, glaube ich, jedes elektrisch verstellbare Windschild, das in Serie angeboten wird. Ohne Ausnahme probiere ich alle Positionen aus. Ohne Ausnahme funktioniert ganz unten am besten und ohne Ausnahme wĂ€re es noch besser, könnte ich am Tester noch eine gute Handspanne mit dem Dremel abnehmen.

Der Wunsch nach hohen Windschildern kommt wahrscheinlich schlicht daher, dass TourenmotorrĂ€der mit moderatem Reisetempo bewegt werden. Wir wollen uns auf der Autobahn nicht hinter einen flachen Windschild ducken, der selbst ohne HinterlĂŒftung hervorragend funktioniert. Wir fahren auf der Autobahn 130, 140 km/h. Mehr kostet Nacken, mehr kostet Benzin (1,87 Euro habe ich eben in Italien fĂŒr den Liter Super bezahlt!). Im Siffregen: herrlich geschĂŒtzt! Aber irgendwie greift kein Argument pro Windschild. Ein Zug am Nacken ist auf Dauer genauso eine kritisch statische Belastung wie ein Druck auf den Nacken. Sonst sĂ€he man mehr Tourer jenseits der 140 km/h.

Am ehesten greift das Argument Wetterschutz. Ein hoher Windschild hĂ€lt jedoch auch dann Luft ab, wenn die sehr gĂŒnstig wĂ€re, um den Fahrerkopf zu kĂŒhlen. Nun kann man natĂŒrlich mit dem Schlechtwetterbetrieb argumentieren, doch wenn wir uns umschauen: Fast niemand fĂ€hrt bei schlechtem Wetter. Im Winter sieht man hauptsĂ€chlich Naked Bikes und BMW GS.

Der GS-Fahrer verlĂ€sst sich hier jedoch nicht auf den Windschild, sondern hat sich beim BMW-Freundlichen mit dem puscheligen Winterangebot an Bekleidung ausgestattet. BMW Pro Winter und eine gefĂŒtterte Streetguard funktionieren jedoch genauso auf einer Duke. Ich bestreite jedoch gar nicht den Vorteil des Wetterschutzes, sondern ich bestreite seine Relevanz. Gerade Tourenfahrer rĂŒcken am liebsten bei bestem Alpenwetter aus und im Winter kannst du im Gebirge sowieso kaum Motorrad fahren. Bei 30° C im Tal, das verspreche ich, fĂ€hrt es sich auf der nackten Honda Hornet angenehmer als hinter der Cabrioscheibe einer Goldwing.

Diese Argumentationskette erarbeite ich im Geist, als ich auf der KTM 690 Duke in einer Gruppe Windschilder unterwegs bin. Doch ein altes Windschild kommt mir zuvor, als wir zum Mittagessen anhalten: „Du siehst aus wie eine Pizza Insecta.“ Verdammt. Mit einem Satz argumentativ totgeschlagen. Deshalb endet dieser Text wie so viele in dieser Kolumne auf dem Mittelweg: Das beste Windschild ist ein möglichst flaches. Selbst der erfahrene Cabrio-Fahrer weiß, was ich meine. Ein bisschen Wind brauchst du. (cgl)