Gesundheit!
Wenn in den kommenden Tagen jemand in der Straßenbahn niest, könnte das eine simple Erkältung sein, ein Anzeichen für die doch noch kommende Grippewelle 2012 oder ein terroristischer Anschlag.
Wenn in den kommenden Tagen jemand in der Straßenbahn niest, könnte das eine simple Erkältung sein, ein Anzeichen für die doch noch kommende Grippewelle 2012 oder ein terroristischer Anschlag.
Kein Witz. Seriöse US-Wissenschaftler befürchten offenbar, dass irgendwelche Terroristen Grippeviren in tödliche Biowaffen verwandeln, um sie dann für heimtückische Anschläge einzusetzen. Ende Dezember drängte das NSABB - ausgeschrieben: National Science Advisory Board for Biosecurity - jedenfalls darauf, dass zwei wissenschaftliche Aufsätze in den renommierten Zeitschriften Science und Nature nicht erscheinen. Die NSABB hatte empfohlen, dass diese Aufsätze in Teilen entschärft und vor allem ohne den Methoden-Teil publiziert werden - die Ergebnisse können in einem solchen Fall nicht von anderen Forschern reproduziert werden.
Die Arbeiten sind bis heute nicht erschienen, aber nach verschiedenen Medienberichten weiß man zumindest, dass es Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam gelungen ist, das Grippevirus vom Typ A/H5N1 genetisch so zu verändern, dass es zwischen Frettchen per Tröpfcheninfektion übertragen wird.Der Autor der zweiten Studie, Yoshihiro Kawaoka von der Universität Wisconsin, soll sich über seine Arbeit ausschweigen.
Die NSABB, die nach den Anschlägen vom 11. September ins Leben gerufen worden ist, spricht zwar nur vage davon, dass die Ergebnisse „zu schädlichen Zwecken missbraucht“ werden könnten. Aber die Stoßrichtung ist schon klar. Es geht ganz sicher nicht darum, dass irgendein europäisches oder asiatisches Unternehmen ein wirklich wirksames Grippemittel entwickelt und damit der US-Konkurrenz die Luft abschnürt.
Nein, wir reden über die Gefahr des Bioterrorismus. Und wenn ich mir anschaue, wie nervös diese Leute reagieren, frage ich mich, wann die ersten Bio-Hacker in den Knast kommen, weil sie nichts weiter als neugierig sind.
Apropos Hacker - es gibt bei dieser Geschichte eine geradezu unheimliche Parallele zur IT-Sicherheit: Das erste, was den Verantwortlichen einfällt, wenn jemand eine Sicherheitslücke entdeckt, ist die Veröffentlichung dieser Sicherheitslücke zu unterbinden. Dabei ist seit langem klar, dass „Sicherheit durch Geheimniskrämerei“ nicht funktioniert, weil die wirklich bösen Jungs immer Mittel und Wege finden, an die Informationen zu kommen, die sie brauchen.
Und wie in der IT behindert auch in der Biologie die Geheimniskrämerei diejenigen, die wirklich an einer Lösung des Problems arbeiten wollen. Bloss, dass es in diesem Fall nicht nur um ein paar lahmgelegte Computer geht, sondern um richtige, echte Menschenleben. Das findet jedenfalls auch Peter Palese, ein Biologe, der 2005 mitgeholfen hat, das berüchtigte Virus der Spanischen Grippe zu rekonstruieren - und diese Ergebnisse veröffentlicht hat. „Je gefährlicher ein Krankheitskeim erscheint“, schreibt er in der aktuellen Ausgabe von Nature, „desto wichtiger ist es, ihn zu untersuchen… Den wissenschaftlichen Prozess zu verlangsamen, wird die Öffentlichkeit nicht beschützen - es wird sie nur verwundbarer machen.“ Na also. Es gibt offensichtlich auch Biologen, die ein paar grundsätzliche Dinge verstanden haben. (wst)