Wenn Gigantomanie Sinn macht

Seouls neue Attraktion ist die größte schwimmende Inselgruppe der Welt. Sie ist Teil eines ambitionierten Plans, die Millionenmetropole zu einer der lebenswertesten Städte Asien zu machen. Das könnte klappen.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Seouls neue Attraktion ist die größte schwimmende Inselgruppe der Welt. Sie ist Teil eines ambitionierten Plans, die Millionenmetropole zu einer der lebenswertesten Städte Asien zu machen. Das könnte klappen.

Beschaulich schweben drei Inselchen aus Stahl am linken Ufer des Han-Flusses an der Banpo-BrĂĽcke. Sie dĂĽrften eines der beliebtesten Ziele fĂĽr romantische StadtausflĂĽge werden. Denn von hier kann man wunderhĂĽbsch die Sonne ĂĽber dem Han-Fluss und der Innenstadt Seouls auf der anderen Uferseite untergehen sehen.

Zufall ist das nicht. Die Inseln sind Teil des "Han-River-Renaissance"-Projekts, mit dem die Stadtregierung Koreas symbolträchtigsten Fluss bis 2030 zu einer grünen Erlebnis- und Wohnzone ausbauen will. Es ist schon viel geschehen. Vier Parks wurden eingerichtet, die Ufer mit Rad- und Fußwegen gesäumt. Drei weitere Grünanlagen sollen folgen. Doch ein erster technischer Höhepunkt sind die Eilande.

Dafür hat das Projektmanagement geklotzt. Viel Geld hat das Projekt die privaten Investoren um den Mischkonzern Hyosung gekostet, sagt Choi Heung-sun, der zuständige Projektmanager der Stadt Seoul. In 25 Jahren soll sich die Investition rechnen. Danach haben die Eigner noch immer genug Zeit, Geld mit den Inseln zu machen. "Südkorea ist berühmt für seinen Schiffbau und die Technik haben wir verwendet", erzählt Choi. Rost habe keine Chance. "Die erwartete Lebensspanne beträgt 100 Jahre."

Das Vorhaben war eine Herausforderung. Denn die Inseln sollten große Gebäude tragen, ohne bei Niedrigwasser auf Grund zu schlagen oder bei Hochwassern davon zu schwimmen. Zwischen drei und 16 Metern schwankt der Wasserspiegel des Han. Gelöst wurde dies durch ein gigantisches Lego aus Stahlcontainern mit 12 Millimetern dicken Wänden. Die Insel 1 ist mit 4737 Quadratmetern etwa so groß wie ein Fußballfeld und besteht aus 181 Stahlquadern. Die Insel 2 schwimmt auf 134 Blöcken, die ihr 3271 Quadratmeter Fläche geben. Und Insel 3 ist der Zwerg mit 1200 Quadratmetern aus 56 Bausteinen. Verbunden sind sie mit Ponton-Brücken, die bei richtig hohen Fluten abgezogen werden.

Das alles hört sich gigantomanisch an, aber ich denke, es wird funktionieren. Denn die Visionäre haben sich eine Menge ausgedacht, um die Inseln wirklich tagein, tagaus mit Leben zu füllen. Da ist zum einen die Designidee, die das Wachstum einer Blüte nachvollzieht. Die kleinste Insel schwimmt am weitesten im Fluss und heißt Terra. Das Gebäude ist einem Samen nachempfunden. Insel Nummer 2 heißt Viva und stellt eine Knospe dar. Und die Hauptinsel 1 wurde Vista genannt und als Blüte aus Stahl und Glas gebaut. Darüber hinaus sorgen die Macher durch verschiedene Zonen dafür, dass gänzlich unterschiedliche Kundengruppen auf die Eilande strömen werden. Insel 1 beherbergt ein Kongresszentrum, die anderen Inseln sind für Ausstellungen, Modeschauen und Bürgertreffen ausgestattet. Darüber hinaus gibt es Anleger für Wassertaxis und Jet-Skis. Und in den von den Landungsbrücken und dem Ufer umfassten Bereichen überlegen die Macher, ein Schwimmbad einzurichten.

Doch für Choi ist das nur der Anfang. In seiner Vision laufen die Stadtautobahnen, die sich derzeit lärmend zwischen Ufer und Hochhaussiedlungen entlangziehen, unter der Erde. Die Ufersiedlungen sollen dann direkten und grünen Zugang zum Fluss erhalten.

In Korea fürchtet man sich also wahrlich nicht vor großen Träumen. Aber die Inseln zeigen, dass sich die Macher in der ostasiatischen Tigernation nicht scheuen, die Realität ihren Fantasien anzupassen. Das Land will seinen Plan durchziehen und aus der molochartigen Autostadt Seoul eine grüne und fahrradfreundliche Metropole machen. (bsc)